Ein Mann steht in einem Straßenzug und schaut zur Seite. Hinter ihm geparkte Autos und ein großes Gebäude.
Björn Berghausen erläutert Gelände und Architektur. Foto: ks

Gebäude in „norddeutscher Backsteinoptik“

Historisches – Landesarchiv in der ehemaligen Kugellagerfertigung der Waffen- und Munitionsfabriken

Borsigwalde – Am ersten März-Wochenende fanden bundesweit die Tage der Archive in ihrer mittlerweile 12. Auflage statt. Die Veranstaltung stand diesmal unter dem Motto „Essen und Trinken“. Auch Reinickendorf war ein Schauplatz des Geschehens. Das Landesarchiv Berlin und das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv (BBWA), beide am Standort Eichborndamm, öffneten aus diesem Anlass am 2. März ihre Pforten. Das interessierte Publikum bekam so die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Die Veranstalter zeigten sich in Anbetracht des Zuspruchs überaus zufrieden. Es kamen rund 400 Besucher.

Das Landesarchiv, das seit dem Jahr 2001 in der umgebauten ehemaligen Kugellagerfertigung der früheren Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM) residiert, hatte ein umfangreiches und kurzweiliges Programm vorbereitet. Es gab Führungen durch die Magazine und durch die Fotosammlung, Einblicke in historisches Kartenmaterial, in Plakatbestände, in eine Werkstatt der Bundessicherungsverfilmung sowie in die Überlieferung der Berliner Standesämter. Besucher hatten zudem die Möglichkeit, in der Archivdatenbank zu recherchieren. In einer Schreibwerkstatt konnte man mit Feder und Tinte alte Schriften wie Sütterlin oder die deutsche Kurrentschrift üben. Das Landesarchiv sieht sich als das archivarische Erbe Berlins. In den Beständen spiegeln sich rund 700 Jahre Stadtgeschichte wider. Anein-ander gereiht umfasst das Archivgut rund 54 Kilometer. Dazu gehören beispielsweise 2,3 Millionen Fotografien,  322.000 Karten und Pläne, 151.000 Medieneinheiten und 36.000 Plakate.

Außerdem standen kurzweilige Vorträge auf dem Programm. Einer nahm auf das diesjährige Leitthema Bezug. „Geschüttelt und gerührt – Cocktails in Berlin“ lautete die Überschrift. Dr. Michael C. Bienert, Leiter der Stiftung Ernst-Reuter-Archiv, berichtete anschaulich über die Entwicklung der Barkultur in Berlin von der Mitte des 19. Jahrhunderts an. Er definierte einen Cocktail als „ein alkoholisches Mischgetränk mit einer oder mehrerer Spirituosen, Eis und wahlweise unter Zugabe von Wasser, Sekt oder Säften“. Im Jahr 1870 ist die erste „American Bar“ in Berlin dokumentiert. Die Entwicklung nahm ihren Lauf, mehr und mehr Bars und so genannte Likörstuben entstanden. Blütezeit waren die „Goldenen Zwanziger“ des letzten Jahrhunderts. Davon profitiere die dynamische, kreative und weltweit anerkannte Berliner Barszene noch heute, so der Historiker.

Ein weiterer Programmpunkt waren Führungen über das weitläufige Gelände der DWM, mit deren Bau 1906 begonnen wurde. Das Areal reicht entlang des Eichborndamms vom S-Bahnhof bis zum Nordgraben, es ist 900 Meter lang, nahezu 600 Meter breit. Björn Berghausen, Geschäftsführer der BBWA,  berichtete den Teilnehmern über Entstehung und Entwicklung, konnte zudem viele architektonische Merkmale veranschaulichen. Er sprach von einem Gebäudeensemble in „norddeutscher Backsteinoptik mit repräsentativem Charakter und einer klaren Sprache der Fassade“. Das auffälligste Gebäude sei das ehemalige Beamten-casino, das an einen Klosterbau erinnere. „Eine Fabrik, die gut aussieht, wirbt auch für das Produkt“, erläuterte Berghausen die Philosophie der Bauweise. Auch die Werkshallen mit ihren typischen Schrägdächern und reichlich Lichtzufuhr seien damals fortschrittlich gewesen. Die Waffenproduktion sowie die Beschäftigung von Tausenden ausländischen Zivil- und Zwangsarbeitern in der Zeit des 2. Weltkrieges warfen dagegen unrühmliche Schatten auf den Komplex.

Die Geländeführungen sind übrigens auch Bestandteil der vom BBWA regelmäßig durchgeführten Reinickendorfer Industriespaziergänge. Infos dazu unter www.industriespaziergang.bb-wa.de

Karsten Schmidt

Schon in jungen Jahren hat sich Karsten Schmidt journalistisch engagiert: für Schülerzeitungen und Studentenmagazine. Seit rund 30 Jahren ist er freiberuflich tätig – als bekennender Nordberliner von der ersten Stunde an beim RAZ Verlag dabei, außerdem als Berliner Korrespondent für mehrere Fachzeitschriften aus den Bereichen Mode, Wirtschaft und Gastronomie.

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Schon in jungen Jahren hat sich Karsten Schmidt journalistisch engagiert: für Schülerzeitungen und Studentenmagazine. Seit rund 30 Jahren ist er freiberuflich tätig – als bekennender Nordberliner von der ersten Stunde an beim RAZ Verlag dabei, außerdem als Berliner Korrespondent für mehrere Fachzeitschriften aus den Bereichen Mode, Wirtschaft und Gastronomie.