Geldbündel in einer Berliner Bank während der Inflation 1923 Foto: LoC

1923 – das Hungerjahr der Milliardäre

Wie wirtschaftlich relevant Biomüll schon vor 100 Jahren war, zeigt eine Adresse in der Reinickendorfer Residenzstraße. Die durch die Hyper­inflation immer prekärer werdende Versorgungslage zwang viele Menschen zu den unterschiedlichsten Anstrengungen, um das eigene Überleben zu sichern – die private Haltung von Kleinvieh war eine davon. Vor dem Ersten Weltkrieg spielte dabei laut „Berliner Tageblatt und Handelszeitung“ vom 17. August 1923 „das Züchterinteresse an neuen schönen Tierformen die Hauptrolle“.

Mit dem Mangel der Kriegsjahre und der finanziellen Not in der Weimarer Republik gewann zunehmend die Zucht von kleinerem Schlachtvieh an Bedeutung, daher wurden Küchenabfälle als günstiges Futter immer begehrter. Wo es irgendwie möglich war, legten sich etliche Berliner, selbst wenn sie in beengten Quartieren hausten, Hühner, Tauben, Enten, Gänse oder Kaninchen zu. Die Haltung von Ziegen blieb jedoch eher ein Phänomen der Vorstädte. „Nicht immer entspricht die Unterbringung der Tiere den Forderungen, die man an ein gesundes Tiergelaß stellen sollte“, räumte das „Berliner Tageblatt“ ein und wies noch auf eine weitere Sorge hin: Es gehörte auch „stete Wachsamkeit zu den Aufgaben des Kleintierzüchters, denn es gibt leider eine große Anzahl von Langfingern, denen auch die einzige Freude des kleinen Mannes nicht im geringsten geheiligt erscheint“. Als „rührend“ wird der Anblick von Familien beschrieben, die auf ihren Ausflügen ins Grüne das Kleinvieh im Käfig auf Handwagen mitführten, um ihm auf der freien Wiese Auslauf zu verschaffen und es auf Nahrungssuche gehen zu lassen. Als „wahre Fundgrube für Kleintierfutter“ galt die Umgebung der Zentralmarkthalle in Mitte.

Im September gingen die Händler dazu über, erst um 11.30 Uhr nach Bekanntwerden der Börsenergebnisse die Stände zu öffnen, um ihre Preise entsprechend anzupassen, die sich halbstündlich ändern konnten. Gewogen wurden oft nicht nur die Waren, sondern auch die Geldscheine, denn bei den Unsummen war das genaue Nachzählen längst unmöglich geworden: Auf eine Milliarde mehr oder weniger kam es bald schon gar nicht mehr an.

Ein Hühnerei kostete Anfang Juni bereits 800 Reichsmark; der Preis stieg im September schon auf beachtliche 700.000 Mark und auf dem Höhepunkt der Inflation im November auf unglaubliche 320 Milliarden. Mehr Wert als das bedruckte Papier hatten Naturalien, selbst wenn es sich um Abfälle handelte. Doch wies der Polizeipräsident zum Thema „Verwertung der Speisereste und Küchenabfälle“ darauf hin, dass allein die Mitglieder der Vereinigung Groß-Berliner Küchenabfallhändler mit Sitz in der Residenzstraße 99 zum Einsammeln des umkämpften Mülls berechtigt seien.

Erst mit der Einführung der Rentenmark am 15. November 1923, hatte die aberwitzige Talfahrt der alten Reichsmark ein Ende. Doch schon zum Ende des Jahrzehnts drohte mit der Weltwirtschaftskrise die nächste Katastrophe.bod

Inka Thaysen

Ursprünglich beim Radio journalistisch ausgebildet, bin ich seit Ende 2018 für den RAZ Verlag tätig: mit redaktionellen sowie projektkoordinativen Aufgaben für print, online, Social Media und den PR-Bereich.

Autor dieses Beitrags