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Härtere Kaliber als Eierdiebe in der JVA Tegel

Tegel – Sie wollte unbedingt ins Gefängnis. Ein Kollege riet Sophie Krienke: „Bewirb dich doch mal.“ Das tat die Lehrerin für Deutsch und Geographie nach etwa 20 Jahren im Schuldienst, außerhalb von Gefängnismauern. Der Frust über eine Vielzahl von Veränderungen wie der Wegfall des 13. Schuljahres, die Einführung des Mittleren Schulabschlusses (MSA) am Gymnasium und vor allen Dingen „die ständigen Evaluationen, ohne dass daraus etwas folgte“, brachten Krienke zum Entschluss, ihr Berufsleben gründlich zu verändern.

Bereits die zweite Bewerbung war erfolgreich. Sie wurde als Lehrerin bei der JVA Tegel eingestellt. Das Gefängnis liegt mitten in Tegel wie ein fremder Stern. Hohe Außenmauern mit einer Gesamtlänge von fast 1,5 Kilometern und 13 Wachtürmen signalisieren: Hier kommt keiner so schnell weder rein noch raus. Fast 900 Plätze für Häftlinge werden bewacht und verwaltet von 630 Bediensteten. Es wird ständig gebaut und umgebaut. Angefangen hat alles 1898. Damit ist die JVA Tegel eine der ältesten und größten Haftanstalten in Deutschland.

Abenteuerlustig war Krienke schon immer. Gleich nach dem Studium ging sie mit ihrem Mann, der auch Lehrer ist, für ein Jahr zur Deutschen Schule nach Beirut in den Libanon. Sie schwärmt noch heute, was für ein „sprachbegabtes Volk“ die Libanesen seien. Ihre Schüler waren ebenso wissbegierig, die deutsche Sprache zu lernen, wie zuweilen auch „temperamentvoll schwierig“. Damals sei der Libanon recht sicher gewesen, nur manchmal flogen israelische Erkundungsflugzeuge über ihre Köpfe. Danach wechselte sie an das Gabriele-von-Bülow-Gymnasium in Tegel, wo sie 18 Jahre lehrte, bis sie 2020 zur JVA ging. Gleich am ersten Tag ließ der JVA-Anstaltsleiter Krienke wissen, dass dort „keine Eierdiebe“ einsitzen würden. In der offiziellen Beschreibung des Senats heißt es, dort seien „erwachsene Männer mit mittleren und langen Freiheitsstrafen, lebenslanger Freiheitsstrafe oder im Vollzug der Sicherungsverwahrung“. Krienke erzählt, sie habe in ihrem Unterricht mit Mördern, Kindervergewaltigern, Drogendealern und Räubern zu tun. Angst habe sie keine, wenn sie mit ihren volljährigen Schülern allein im Raum sei. Den Notrufknopf am Gürtel müsse sie praktisch nie bedienen. Erst einmal musste ein Schüler aus dem Unterricht abgeführt werden, der sie als Frau nicht akzeptieren wollte und Ärger machte: „Du Frau, du nicht Mann.“

Ihre Schüler seien in erster Linie Palästinenser, Osteuropäer und auch Vietnamesen. Alle wollen Deutsch lernen, um sich auf ihre Zeit nach der Haftstrafe besser vorzubereiten. Krienke und ihre Kollegen führen lernwillige Häftlinge zur Berufsbildungsreife/BBR (früher Hauptschulabschluss), aber auch zum Mittleren Schulabschluss/MSA (früher Mittlere Reife), und wer besonders ehrgeizig ist, kann mit ihrer Unterstützung an der Fernuniversität das Abitur anstreben. Die Klassen sind mit zwölf Schülern deutlich kleiner als an normalen Schulen. Jetzt in Corona-Zeiten unterrichtet Krienke nur drei Schüler. Bei ihr haben bereits sechs Schüler die BBR und den MSA bestanden.

Sie lobt, wie höflich die meisten Häftlinge zu ihr seien: „Vielen Dank für den Unterricht“, hört sie zuweilen. Die meisten halten die angesetzten 90-Minuten-Blöcke nicht ohne Rauchpause durch. So wird nach 45 Minuten regelmäßig für eine Zigarettenlänge unterbrochen. Krienke geht nicht auf Einzelschicksale ein. Aber sie sagt: „Im Leben kommt es offensichtlich ganz maßgeblich darauf an, in welchem Land man geboren wird und unter welchen sozialen Umständen jemand aufwächst.“ Sie fügt nachdenklich hinzu: „Viele hatten nie eine Chance.“ Und wieder nach einer Pause: „Ja, die tun mir leid.“bs

Inka Thaysen

Ursprünglich beim Radio journalistisch ausgebildet, bin ich seit Ende 2018 für den RAZ Verlag tätig: mit redaktionellen sowie projektkoordinativen Aufgaben für print, online, Social Media und den PR-Bereich.