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Vom „Schundheft“ zum ernsthaften Leseabenteuer

Bezirk – Sonntagmorgens beim Brötchenholen gab‘s den Bildheftchen-Bonus: Der heutige „FAST IMBISS“, einstmals schmucker Zeitungskiosk, auf der Waldstraßen-Insel/Ecke Ollenhauer steht für mich ab 1960 und der zweiten Schulklasse für Tom und Jerry, Fix und Foxi sowie Felix den Kater – allesamt für Frontstadt-ermäßigte 30 Pfennig als Remittenden aus „Westdeutschland“ mit Halbjahres-Abstand. Nur Micky Maus lieferte aktuell, aber kostete mit 75 Pfennig gleich mehr als das Doppelte.

Interzonaler Ausweg: Seit ich mit den Eltern in den jährlichen Alpenurlaub fuhr, konnte ich am provisorischen Süd-Checkpoint Töpen Juchhöh (das hieß tatsächlich so), auf der Westseite die aktuellen Heftchen rund 30 Nummern im Voraus für den stolzen Doppelpreis von 0,60 DM erstehen.

Wenn außerhalb rarer Reisezeit der eigene Comic-Vorrat erschöpft war, hieß es mit den Schulkumpels zu tauschen. Wenn‘s gar nicht anders ging, zum Tausch-Stand auf dem Wochenmarkt zwischen Lindauer und Alt-Reinickendorf. Hier herrschten strikte Regeln: Umtausch Zwei zu Eins plus 50 Pfennig Tauschgebühr. Und auf keinen Fall Fettflecke oder angeknüllte Seiten! Meine Sympathien bei den Comichelden galten weniger dem stolzen Jungritter Sigurd, noch dem Tarzan-Klon Akim oder anderen Bravewichten als vielmehr den Lupos dieser Zeichenwelt: Knox dem rätselhaften Raben oder Pauli, dem Möchtegern Maulwurf-Punk. Immerhin beeindruckend: Fulgor mit seinem Todesstrahlen-Gürtel. Niveau, weil mit belgischer Comickunst- bestückt, hatte der heitere Fridolin, doch mit billigem Druck und unter dem blöden Titel zählte das Heft nicht viel. Aber immer noch mehr als ein zwischengemogeltes Ost-Heft FRÖSI (Fröhlich sein und Singen). Zum Tauschen: No Chance! Inliegend höchst passend: Appelle zum Sammeln von Sekundärrohstoffen. Erstaunlicherweise, unsere selbsternannte Sprachpolizei wird’s freuen, interessierten mich Indianer-Flunkerer à la Karl May kaum.

Nach der Fix-und-Foxi-Zeit kamen Kollegen-gebrauchte Terra- und Utopia-Romanheftchen angeflattert – durchtränkt mit Essigester-Duft, weil mein tauschfreudiger Vater im Schering Hormonbetrieb genachtschichtet hat.

Zur Ablösung der seinerzeit verfemten „Schmutz- und Schundliteratur“ stand die Stadtbücherei als Startpunkt ernsthafterer Lese-Abenteuer: Anfangs die Kinder-Ausleihe (nein, keine Kinder zum Ausleihen) in der Auguste-Viktoria-Allee. Mein Interesse galt Elektrotechnik, Raumschiff-Romanen, „Hobby, dem Magazin der Technik“ sowie der bieder-bubenaffinen „Rasselbande“. Neue Perspektiven bescherte 1964 die Eröffnung der Bücherei am Schäfersee in der Stargardtstraße. Später folgten schon mal kleine Streifzüge in die Erwachsenen-Ausleihe. Ab knapp 16 erreichten die Abenteuer von B. Traven, die Knastbücher von Henry Jaeger, die Satiren von Ephraim Kishon und Hans Fallada mein lesefreudiges Jungenauge. Mehr oder weniger zufällig strich ich auf derlei Ausleih-Schleichzügen bemerkenswert oft an Lexika mit dem Stichwort Fortpflanzung vorbei. Aber das gehört nun wirklich nicht hierher. Conny Chronowitz

Erste Anlaufstelle: Stadtbücherei Auguste-Viktoria-Allee im Jahr 1991 Foto: Klaus Schlickeiser, Reinickendorfer Straßenbuch

Inka Thaysen

Ursprünglich beim Radio journalistisch ausgebildet, bin ich seit Ende 2018 für den RAZ Verlag tätig: mit redaktionellen sowie projektkoordinativen Aufgaben für print, online, Social Media und den PR-Bereich.