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Achteckiges kleines Gebäude
Das Café Achteck an der Berliner Straße in Tegel Foto: fle

Kleines Geschäft, aber mit Stil

Café Achteck: Nicht nur Stilles Örtchen, sondern auch Kunstraum

Tegel/Hermsdorf/Waid-mannslust – In Tegel steht eins, auf dem Fellbacher Platz und auf der Wiese vor dem Heimatmuseum ebenfalls: das  Café Achteck, eine öffentlichen Toilette mit der speziellen achteckigen Form.  

Diese Toilette wurde aus der Not heraus geschaffen, denn wie viele wachsende Metropolen des 19. Jahrhunderts kämpfte auch Berlin mit hygienischen Problemen. Die Stadtbevölkerung wuchs damals stark an: Von zirka 700.000 Menschen 1870 auf fast zwei Millionen im Jahr 1919. Doch moderne Wasser- und Abflussleitungen fehlten weitgehend. Sickergruben und Nachttöpfe prägten das Stadtbild und ihr Inhalt landete meist in der Spree. Erste Bemühungen, öffentliche Toiletten aufzustellen, gingen damals von der Berliner Polizei aus, und der damalige Generalpolizeidirektor Karl Ludwig von Hinckeldey wurde mit einem Spottvers geehrt: „Ach lieber Vater Hinckeldey mach uns für unsre Pinkelei doch bitte einen Winkel frei!“

1879 war es dann so weit: Nach einem Designwettbewerb wurden auf dem Weddingplatz und dem Arminiusplatz – Rathausvorplatz in Moabit – die ersten Cafés Achteck aufgebaut. Das Palmettendesign auf der Außenwand war vom Maler und Architekten Karl Friedrich Schinkel inspiriert. Die achteckige Form ist das kunstvolle Produkt der Berliner Eisengießereien, die mit ihren Brücken und Bahnhöfen das Großstadtbild prägten, aber auch Ofenplatten herstellten. Eine dieser reich verzierten Ofenplatten diente als Vorlage für die acht gusseisernen Wände des Berliner Pissoirs.

Offiziell hießen die Toiletten zunächst aufgrund der grünen Farbe „Waidmannslust“. Doch die Berliner gaben ihnen schnell ihren bis heute bekannten Spitznamen Café Achteck – in Anspielung auf ihre Form und die Tatsache, dass man dort seinen „Kaffee los wird“.

Bis 1920 wurden 142 Cafés Achteck in verschiedenen Varianten im gerade neu entstandenen Groß-Berlin installiert, einige von ihnen stehen unter Denkmalschutz. Heute existieren noch elf der ursprünglichen Anlagen. Übrigens: Das Café Achteck in Tegel wurde um 1910 fertiggestellt und stand ursprünglich an der Jean-Jaurès-Straße in Waidmannslust. Es wurde 1999 demontiert und restauriert und steht seit August 2000 in Tegel an der Kreuzung Schloßstraße/Berliner Straße. Das Pissoir am Fellbacher Platz wurde so umgebaut, dass es auch von Frauen genutzt werden kann. 

Das Café Achteck vor dem Museum Reinickendorf, Alt-Hermsdorf 35, wird nicht zum „Kaffeewegbringen“ genutzt: Als Museumspavillon steht es seit 2023 für Veranstaltungen, Ausstellungen und als Infopoint des Museums zu Verfügung. Gegenwärtig ist die Installation „Lila Nächte im Café Achteck – oder der deutsche Freundschaftsverband im Klo“ zu sehen. Die Ausstellung beleuchtet die Auswirkungen der NS-Zeit auf lesbisches Leben in Berlin und ist bis Dienstag, 31. März, montags bis freitags sowie sonntags 9 bis 17 Uhr zu sehen.

Christiane Flechtner

Christiane Flechtner ist seit mehr als 30 Jahren als Journalistin und Fotografin in Reinickendorf und auf der ganzen Welt unterwegs. Nach 20 Jahren bei der Lokalzeitung Nord-Berliner ist sie seit der ersten Ausgabe mit im Team der Reinickendorfer Allgemeinen Zeitung und anderer Verlagsmedien. Sie arbeitet außerdem als freie Journalistin und Fotografin bei „Welt“, Berliner Zeitung und anderen Zeitungen in Deutschland, Österreich und Luxemburg sowie für u. a. Reise-, Wander- und Tiermagazine.