Tegel – Es ist dunkel und feucht. Vom steinernen Gewölbe hängen nasse Wurzeln herunter, die durch die Decke hindurchgewachsen sind. Seit einem Jahr hat hier in die unterirdischen Sandfilteranlagen und Reinwasserbehälter des Wasserwerks Tegel an der Bernauer Straße kein Mensch mehr einen Fuß hineingesetzt. Anfang Februar war es wieder soweit: Die alljährliche Zählung der hier überwinternden Fledermäuse stand an.
Berlin ist die Hauptstadt der Fledermäuse. 18 verschiedene Arten wurden bisher nachgewiesen. Im Sommer sieht man sie am Himmel als schwarze Scherenschnitte herumflattern, wenn sie auf Insektenjagd gehen. Doch wenn die Temperaturen sinken, ziehen sie sich an einen Ort zurück, an dem sie die kalte Jahreszeit verbringen: neben der Spandauer Zitadelle und 52 anderen Winterquartieren auch ins Wasserwerk Tegel. Denn dort – in den unterirdischen Sandfilter-Gebäuden – sinken die Temperaturen auch im Winter nicht unter den Gefrierpunkt – und sind deshalb ein perfekter Überwinterungsort. 1998 wurden die Gebäude als Fledermausquartier zur Verfügung gestellt.
„Fledermaus-Winterquartiere“ heißt das Artenmonitoring, das die Oberste Naturschutzbehörde Berlin bereits 1987 aufgelegt hat, um Daten zu erfassen, Bestandsentwicklungen zu bewerten, die Winterquartiere zu erhalten und sie zu optimieren. 21 solche Quartiere sind seit 1989 neu entstanden oder den Fledermäusen zugänglich gemacht worden, und Partner wie die Berliner Forsten oder die Berliner Wasserbetriebe haben mitgeholfen.
Mittlerweile werden bis zu 54 Quartiere jährlich, davon kleinere Quartiere alle zwei Jahre, zu wissenschaftlichen Zwecken kontrolliert. Die Fledermäuse werden artspezifisch erfasst und Veränderungen im Quartier oder der Umgebung in Zusammenarbeit mit dem Büro für Landschaftsökologie „Myotis Berlin GmbH“ dokumentiert. Und so sind auch Juliane Bauer, verantwortlich für Monitoring und Artenhilfsmaßnahmen in der Gruppe Biologische Vielfalt bei der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, Sebastian Voß, Landschaftsplaner und -ökologe bei Myotis, und ein weiterer Fledermausexperte im Februar in den Sandfilteranlagen des Wasserwerks unterwegs. Ausgestattet mit Stirnlampen, Taschenlampen, Handschuhen und nummerierten Silberringen suchen sie über Stunden Wände, Decken und jedes noch so dünne Rohr, jede noch so kleine Nische ab.
646 Fledermäuse wurden im Wasserwerk gezählt, davon 318 Wasserfledermäuse, 273 Fransenfledermäuse, 37 Große Mausohren, 14 Braune Langohren und eine für Berlin besonders seltene Bechsteinfledermaus. Von den 37 Großen Mausohren waren bereits 32 Tiere beringt. Bei den restlichen fünf wurde das nachgeholt. In den Quartieren auf dem Gelände des Wasserwerks gibt es leider immer weniger überwinternde Fledermäuse. Waren es 2015 noch 1.576 Tiere, ist seit 2021 ein kontinuierlicher Rückgang zu verzeichnen, vor allem beim Großen Mausohr und bei der Wasserfledermaus. Die Abnahme, vor allem beim Großen Mausohr, im Wasserwerk-Winterquartier kann verschiedene Gründe haben. Diese Art reagiert sehr empfindlich auf Veränderungen.
Doch am Wasserwerk können mikroklimatische Veränderungen, Licht, Erschütterungen oder bauliche Veränderungen weitestgehend ausgeschlossen werden. Allerdings existieren südlich und nördlich der Fledermauswinterquartiere Photovoltaikanlagen, und die einst blüten- und insektenreichen Trockenrasen sind seit 2009 überbaut. Diese Veränderungen könnten Ursachen für den Rückgang einiger Fledermausarten sein.





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