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Fotos: fle

Lebensgefahr durch fallende Kacheln

Warum verwahrlosen gerade öffentliche Gebäude wie das Finanzamt immer weiter?

Riesige Kacheln fielen von der Hauswand des Finanzamtes und verfehlten Norbert Raeder um Haaresbreite. Der Politiker war zur falschen Zeit am falschen Ort – hatte aber Glück. Wie kann so etwas bei einem öffentlichen Gebäude geschehen? Denn es war nicht das erste Mal, dass von den Außenwänden des ma-roden Gebäudes am Eichborndamm 208 Teile abfielen. „Ich hatte wirklich großes Glück“, sagt Raeder der RAZ.

Nun sind die Wände zwar immer noch nicht repariert, aber wenigstens mit einem Netz gesichert. Abfallende Kacheln sind nicht der einzige Makel an dem denkmalgeschützten Haus, das innen wie außen einen bedauernswerten Eindruck hinterlässt. Verblichene, provisorisch mit Klebeband  angebrachte Zettel weisen den Weg zum Briefkasten oder markieren die Klingel für Rollstuhlfahrer, der Fahrstuhl funktioniert nicht, Putz bröckelt von den Wänden und bleibt an Ort und Stelle liegen. Taubenkot klebt an den Scheiben und verschmutzt den Boden. Verwahrlosung pur. Das Finanzamtsgebäude ist in einem mehr als desolaten Zustand. 

Dabei hat das Landesdenkmalamt das Gebäude aufgrund seiner geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Bedeutung vor einem knappen Jahr unter Denkmalschutz gestellt. Senator Christian Gaebler sagte damals: „Das neungeschossige Finanzamt Reinickendorf ist ein beeindruckendes Gebäude und eine echte Landmarke im Berliner Norden. Mit dem Denkmalschutzstatus wird das Schaffen des Berliner Architekten Rainer G. Rümmler  gewürdigt.“ 

Für die Instandsetzung des Hauses ist die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) zuständig. Doch getan hat sie bisher nichts. Es ist nun schon ein Jahr her, dass ihr Geschäftsführer, Dr. Matthias Hardinghaus, sagte: „Wir freuen uns, nun auch einen jüngeren Bau unter den Berliner Verwaltungsbauten mit seiner besonderen Gestaltung im Sinne des Denkmalschutzes bewahren zu dürfen.“

Noch in diesem Jahr soll aber wohl Bewegung in die Sache kommen, wie Johanna Steinke von der BIM betont: „Mehrere Maßnahmen befinden sich in der Planung“, sagt sie.

Verwahrlost und marode

Die Eigentümerin des maroden Finanzamtsgebäudes, die BIM, möchte noch in diesem Jahr die IT-Verkabelung und die Sicherheitsbeleuchtung  erneuern und den Aufzug reparieren. Die Sanierung des Daches und die Installation einer Photovoltaikanlage seien für Anfang des nächsten Jahres geplant.

Das Dach des Finanzamtes.

Für die Reparatur der Fassade, von der immer mal wieder Kacheln fallen, sollen die „Planungen Ende des Jahres beginnen, „vorbehaltlich der Bereitstellung der erforderlichen Mittel“. Das derzeit installierte Sicherungsnetz diene als temporäre Maßnahme und stelle sicher, dass Passanten bis zur Umsetzung der baulichen Maßnahmen geschützt seien. 

Der markante Bau am Eichborndamm entstand in den Jahren 1971 bis 1976 nach Entwürfen von Rainer G. Rümmler, dem damaligen Leiter der Entwurfsabteilung bei der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen. Das Gebäude war Teil eines größeren Plans: In den 1960er Jahren sollte an der Ecke Am Nordgraben/Eichborndamm ein neues Verwaltungszentrum für Reinickendorf entstehen. Das Finanzamt war ein zentraler Baustein dieser städtebaulichen Idee – und ist bis heute ein Unikat. 

„Ob die Staffelung der Baukörper, die große gelbe Hausnummer ‚208‘ oder die abgerundeten Ecken – dieser Bau erzählt von der Formensprache und Farbenfreude der 70er Jahre in West-Berlin“, beschrieb es  Dr. Christoph Rauhut, Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin. Mit seiner auffälligen Architektur und der farbenfrohen Gestaltung hebt es sich deutlich von anderen Verwaltungsgebäuden ab. 

Christiane Flechtner

Christiane Flechtner ist seit mehr als 30 Jahren als Journalistin und Fotografin in Reinickendorf und auf der ganzen Welt unterwegs. Nach 20 Jahren bei der Lokalzeitung Nord-Berliner ist sie seit der ersten Ausgabe mit im Team der Reinickendorfer Allgemeinen Zeitung und anderer Verlagsmedien. Sie arbeitet außerdem als freie Journalistin und Fotografin bei „Welt“, Berliner Zeitung und anderen Zeitungen in Deutschland, Österreich und Luxemburg sowie für u. a. Reise-, Wander- und Tiermagazine.