Ein historisches Foto mit Hakenkreuzfahnen hing kurze Zeit neben dem Büro der Bürgermeisterin im Rathaus. Es gehört zur Fotoserie „Lüderitz“ des 29-jährigen Künstlers Tim Gassauer (Foto), die innerhalb der Ausstellung des „Förderpreis Junge Kunst“gezeigt wird.
Kurz vor der Eröffnung der Ausstellung in der Rathaus-Galerie allerdings war das Bild nicht mehr an seinem Platz. An der Wand (hinter dem Fotografen) herrscht Leere. Das Werk wurde von „Verantwortlichen im Rathaus“ abgehängt, wie der Kunstverein Centre Bagatelle mitteilte. Der Verein sieht im Abhängen des Bildes einen Eingriff in die Kunstfreiheit, spricht gar von „Bildzensur“. Das Bezirks-amt widerspricht: Nicht das Werk, sondern sein Standort sei das Problem. Es wäre nie um eine Entfernung aus der Ausstellung gegangen, sondern lediglich darum, einen geeigneten Alternativstandort innerhalb der Rathaus-Galerie zu finden.
Nach Angaben des Bezirks-amtes hätten sich Bürger an dem Foto neben der Eingangstür zum Büro der Bürgermeisterin gestört und es als Überschreitung einer „Sensibilitätsgrenze“ empfunden. Daraufhin habe Kulturstadtrat Harald Muschner das Werk abgenommen.
Tim Gassauer wurde für seine Bildserie beim Förderpreis Junge Kunst 2026, den der Kunstverein mit den Kommunalen Galerien Reinickendorf ausgeschrieben hatte, ausgezeichnet. Seine Arbeit und die der anderen Preisträger und Nominierten sind im Treppenhaus des Rathauses, in der Rathaus-Galerie, zu sehen. „Es war Zufall, dass das Bild genau neben der Tür der Bürgermeisterin hing“, sagt Gassauer und findet es merkwürdigt, dass man ohne die Kuratorin oder ihn zu informieren, das Bild entfernt hat.
In seiner Fotoserie beschäftigt sich Gassauer mit den Orten Lüderitz im heutigen Namibia und in Sachsen-Anhalt; vor allem mit der deutschen Vergangenheit des Ortes in Namibia von der Kolonial- bis zur NS-Zeit. Das umstrittene Foto von 1939 ist für Gassauer deshalb ein wichtiger Bestandteil der historischen Auseinandersetzung und gehört für ihn unbedingt dazu. „Ohne ist die Serie nicht komplett.“
Wann hängt das Bild wieder?

Das Bild soll zurück in die Ausstellung – darüber herrscht inzwischen Einigkeit – über den richtigen Platz noch nicht. In einem gemeinsamen Gespräch von Stadtrat Harald Muschner, dem Künstler und dem Vorstand des Kunstvereins am 1. Oktober wurden mehrere Alternativen aufgezeigt. Tim Gassauer soll sich nun für eine entscheiden.
Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner (CDU) erläuterte in einer Stellungnahme an den Kunstverein noch einmal, warum sie den bisherigen Standort für ungeeignet hält. Der Bereich vor ihrem Büro sei nicht ausschließlich Ausstellungsfläche, sondern zugleich ein stark frequentierter Ort des Bürgerkontakts. Dort seien täglich Menschen mit unterschiedlichen persönlichen und familiären Erfahrungen unterwegs, darunter auch Vertreter der jüdischen Gemeinde.
Wer gezielt eine Kunstausstellung besuche, könne sich mit deren Konzept und den Erläuterungen zu den Arbeiten auseinandersetzen. Wer dagegen wegen eines Termins ins Rathaus komme, begegne dem Bild möglicherweise nur im Vorbeigehen. Der historische und künstlerische Kontext erschließe sich dann nicht zwangsläufig.
Die Bürgermeisterin stellt zugleich klar, dass sie die künstlerische und historische Bedeutung der Arbeit nicht infrage stelle. Das Werk könne und solle innerhalb der Ausstellung gezeigt werden – jedoch an einem geeigneten Standort.
Der Kunstverein sieht dennoch weiterhin gerade im Akt des Abhängens das Problem. „Für uns ist das Entfernen der Fotografie aus der Ausstellung eine Bildzensur durch Entscheidungsträger aus dem Rathaus Reinickendorf“, sagt Claudia Kursawe, Pressesprecherin des Kunstvereins Centre Bagatelle. Und fordert weiterhin, dass das Bild wieder aufgehängt wird und setzt dafür eine zeitliche Marke: Am 20. Oktober um 18.30 Uhr findet in der Rathaus-Galerie ein Künstlergespräch mit Rundgang statt. „Spätestens dann muss das Bild zurück sein“, sagt Kursawe.
Auch Gassauer wünscht sich das Bild an den jetzt leeren Platz an der Wand zurück und fragt: „Wovor hat man denn Angst? Soll Kunst nicht zur Diskussion, zum Austausch, zum Nachdenken anregen?“
Was meinen Sie? Schreiben Sie uns: Leserbriefe_RAZ@raz-verlag.de
Die Ausstellung ist bis zum 15. Januar 2027 zu sehen.



![PTT_NSG_Banner_TopMag_300x250px[1]](https://raz-zeitung.de/wp-content/uploads/2024/10/PTT_NSG_Banner_TopMag_300x250px1.jpg)