Nebel zieht in dicken Schwaden durch die kleine Straße, und die Geister, Monster und Mumien sind nur schemenhaft zu erkennen. Über ihnen schwebt ein blau-glitzernder Drache. Ein Alchimist verabreicht Spritzen voller Blut, und ein Kürbis wird lebendig. Alljährlich wird am 31. Oktober in den Straßen rund um die Freie Scholle „groß aufgefahren“: Die Büsche werden mit Spinnenweben überzogen, überdimensionale Spinnen in Szene gesetzt, Hexen, Gespenster und Grabsteine platziert. Und wenn es dunkel wird, kommen Kinder und Familien in Scharen, um dieses besondere Grusel-Spektakel live zu erleben und an den Häusern nach „Süßes, sonst gibt’s Saures“ zu fragen.
Vor allem am Haus von Mike Ehling und seiner Familie herrscht immer großer Andrang. „Um 8 Uhr morgens haben wir mit dem Aufbau angefangen – und werden mit den Jahren immer besser und schneller damit“, sagt er. Vor dem „echten“ Hauseingang prangen zwei Burgtore, durch die sich die Kinder hindurchtrauen müssen, um zu den Süßigkeiten zu gelangen. Oben auf dem Dach rührt ein schwarzgekleideter Hexer eine grün-leuchtende brodelnde Flüssigkeit, aus der Schaumblasen aufsteigen.
Ehling ist derjenige, der mit Sohn Sven den Stein ins Rollen gebracht hat: „Eigentlich war es meine Frau, die ein riesiger Halloween-Fan war“, erinnert er sich. Sie habe auch die ersten zwei Grabsteine besorgt, die heute noch in der Burgtor-Kulisse zu finden sind. Doch seine Frau musste am 3. November 2015 aufgrund einer Krebserkrankung ins Krankenhaus und verstarb wenige Wochen später. „Halloween war die letzte Feier, die wir mit ihr feiern konnten“, sagt er. „Und wir haben das Fest danach aufgrund ihrer Liebe zu Halloween einfach fortgesetzt.“
Doch Mike ist nicht allein, auch Sohn Sven ist mit vollem Einsatz bei der Sache. „Wir haben damals gesagt: ‚Wir machen mehr!‘ Und so ist es auch heute noch“, erklärt der 31-Jährige.
„Wir haben hinter dem Haus mit Plaka-Farben gesessen und die Deko bemalt, später dann mit Spraydosen“, erinnert sich Mike. „Dann haben wir aus Rückwänden von Schränken die Deko gebaut.“ Doch bei Regen hätten sich die Konstruktionen verbogen, wurden instabil.
Vater-Sohn-Team ist perfekt
So geschah es mit dem ersten Torbogen vor der Eingangstür. Möbel, Schlösser, zusammensteckbare Systeme – alles hat das Vater-Sohn-Duo ausprobiert. „Den Durchbruch haben wir errungen, als wir von Pappe auf Stoff umgestiegen sind. Damit wurden die Bauten leichter und größer“, erinnert sich Mike. Und Sven witzelt: „Und wir wussten nicht mehr, wohin damit.“
So wurde das Haus nach und nach in eine Burg verwandelt. Vater und Sohn bauten einen Turm vor die Küche, dessen Einzelteile noch verschraubt waren. Hinzu kam ein Burgeingang vor der Haustür. „Irgendwann haben wir die Hexe dazugestellt – mit der Maske, die Mutti noch bei Halloween getragen hat. Seitdem gehört die Hexe samt Maske zur festen Kulisse unseres Hauses“, sagt Sven.

Mittlerweile hat auch Jaqueline Ehling, Mikes jetzige Ehefrau, und Tochter Sophie das Halloween-Fieber gepackt. Und Vater und Sohn beschäftigen sich das ganze Jahr mit dem Grusel-Spektakel – nach dem Motto „nach Halloween ist vor Halloween“. Sie bestellen neue Nebelmaschinen, Stoffbahnen und weitere Utensilien und planen neue Gruselkulissen. „Letzte Woche hatte ich Urlaub und habe täglich sechs Stunden an einem Hexenturm geschraubt“, sagt Sven. Auch die Kostüme werden sorgfältig gewählt: Sven war beispielsweise schon Totengräber, Vampir, Sensenmann und Pest-Doktor.
Rund 1.000 Euro geben die Beiden pro Jahr aus, hinzu kommen noch einmal 400 Euro für Süßigkeiten. Die bisher größte Anschaffung ist der Drache, der über dem Allmendeweg „schwebt“. „Der hat unser ganzes Halloween-Jahresbudget aufgefressen, aber das hat sich gelohnt“, sagt sich Mike.
„Für die anderen ist es eine tolle Party, und für uns – vor allem für Sven und mich – ein Gedenken an meine Frau und an seine Mutter“, sagt er und fügt hinzu: „Deshalb hat es für uns auch diese Größenordnung. Wir tun das, damit sie nicht vergessen wird.“
Aber natürlich geht es den beiden Initiatoren auch darum, dass die Kinder Spaß haben und sich erschrecken.Auch viele Nachbarn beteiligen sich an diesem besonderen Spektakel und haben, wenn die Kinder klingeln, auch jede Menge Süßigkeiten parat.
„Die Nachbarn, die Halloween nicht mögen, fahren meist über diesen Tag weg, um dem Trubel aus dem Weg zu gehen“, sagt Mike Ehling. Andere sind mit den Ehlings im Halloween-Rausch – so auch Anwohnerin Kerstin Peetsch mit ihrer Familie. Im vergangenen Jahr war ihr Spuk-Zelt im Einsatz. Das kam so gut an, dass sie auch in diesem Jahr wieder Zelte mit Spuk- und Monsterwelten auf die Beine stellen. Auch der Allmendeweg wird in diesem Jahr zum Großteil gesperrt.
Die Einnahmen durch Glühwein- und Punschverkauf gehen zu 100 Prozent an die AWO-Kita Freie Scholle. „So können wir die Kita finanziell unterstützen.”





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