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Ein Mann vor einer Bank in einer Fußgängerzone. Die Bank steht zwischen zwei Koniferen.

Alt-Tegel-Studie: Wofür 54.000 Euro?

Die Straße Alt-Tegel soll zu einer richtigen „attraktiven Flanier- und Gastronomiemeile“ werden. Das war jüngst Thema im Ausschuss für Stadtentwicklung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Konkret: Eine  kürzlich von Stadträtin Korinna Stephan (Grüne) vorgestellte Studie zur „Qualifizierung der Straße Alt-Tegel“. 

Darin werden Ideen vorgestellt, die weit über Tegel hinaus beliebte Bummelmeile von der Berliner Straße bis zum Tegeler See noch attraktiver zu gestalten. Viele Reinickendorfer hatten sich immer wieder über die verotteten Blumenkübel, unattraktiven Sitzgelegenheiten und die allgemeine Vermüllung beschwert. Im Rahmen der vom Bezirksamt in Auftrag gegeben Studie wurden im Spätsommer 2024 fast 1.800 Bürger befragt: 37 Prozent sind danach mit der Situation in Alt-Tegel grundsätzlich „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“; lediglich 24 Prozent unzufrieden“ oder „sehr unzufrieden“. Der Rest verhalte sich zu der Frage „neutral“. Eigentlich ein ordentliches Ergebnis. Als allerdings die Stadträtin  verriet, wieviel das Konzept  den Steuerzahler gekostet hat, war zumindest der CDU-Bezirksverordnete Felix Schönbeck irritiert: 54.710,25 Euro schlugen zu Buche. 

„Das halte ich in diesem Umfang für unsinnig“, sagt er. Und weiter: „Alles, was in dieser Studie steht, hätte ich auch ohne dieses Papier sagen können.“ Das Geld hätte besser gleich in Maßnahmen investiert werden sollen, kritisiert der Politiker. Zum Beispiel in Sauberkeit, neue  und mehr Blumenkübel, gepflegtere Grünanlagen. Schönebeck betont, dass er die angedachten Maßnahmen grundsätzlich gut fände, diese aber  „keinesfalls den historischen Kern Alt-Tegels verändern dürfe.“ Das sei in der Vergangenheit beispielsweise bereits in der Gorkistraße geschehen. Die Veränderungen dort fänden viele Reinickendorfer nicht so gelungen. Schönebeck wird auf seiner Facebook-Seite „I love Tegel“ noch deutlicher und fordert: „Finger weg von Alt-Tegel“. Sein Video dazu erhielt fast 300 Kommentare.

Die Leute sollen hier verweilen

Zwei Männer stehen an einer Bank
Felix Schönebeck (r) und Sven Rother in der Straße Alt-Tegel Foto: bs

Auf Nachfrage der RAZ gibt Stadträtin Korinna Stephan  zu bedenken, dass die BVV im September 2023 „mit den Stimmen unter anderem der CDU, deren Fraktion Herr Schönebeck angehört“, der „Machbarkeitsstudie“ für Tegel zugestimmt habe. Ziel der Studie sei es, „eine fundierte und belastbare Grundlage für die zukünftige Entwicklung Alt-Tegels zu schaffen“. Das Ergebnis zeige, „dass die Aufenthaltsqualität in den vergangenen Jahren teilweise gelitten“ habe. Auch weist sie darauf hin, dass so „die notwendige Basis“ geschaffen werde, „Fördermittel aus Landes- oder Bundesprogrammen einwerben zu können.“

Der Platz am U-Bahnhof Alt-Tegel könne attraktiver gestaltet werden, wenn denn endlich die U-Bahn-Baustelle verschwunden sei, so Schönebeck. So hätte der Kiosk, der mitten auf dem Platz steht, seiner Ansicht nach besser an den Rand gepasst. Hier trifft der Bezirksverordnete auf Sven Rother, der in Tegel aufgewachsen ist. Sie kommen ins Gespräch und Rother plädiert für mehr Fahrradständer und Sitzplätze. 

Ein besonderes Anliegen von Schönebeck ist die Barrierefreiheit der Straße. Eine Freundin von ihm habe Multiple Sklerose und sei auf einen Rollstuhl angewiesen. Für ein paar Stunden habe er sich in ihr Gefährt gesetzt und sei die Straße abgefahren: „Jedes kleinste Hindernis ist anstrengend.“ Auf seine Initiative hin, seien dann Bordsteine abgesenkt worden, aber es müsse noch mehr in dieser Hinsicht passieren. 

Mit ihren Ideen für ein schöneres Alt-Tegel liegen Schönebeck und Stephan inhaltlich eigentlich nicht weit auseinander. Ihr Konflikt ist wohl eher ein Zeichen des nahenden Wahlkampfes. Auf die Frage der RAZ an Korinna Stephan, was denn auf die Studie folge, gibt sie keine konkrete Antwort. 

Schönebeck vermutet, das Konzept werde noch einmal im Mai im Ausschuss für Stadtentwicklung diskutiert und „nach der Wahl im Zweifelsfall abgelegt. Und das war’s dann“. 

Das wäre das schlechteste Ergebnis einer solchen Investition aus Steuergeldern in die Zukunft von Alt-Tegel.

Bertram Schwarz

Meine erste journalistische Station war die Schülerzeitung meiner Schule, später war ich für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten als freier Mitarbeiter tätig, nach dem Studium als politischer Redakteur beim NDR und später als Geschäftsführer verschiedener Medienfirmen. Seit 2019 arbeite ich als freier Autor für die RAZ.