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Auf zur Diafolter bei Onkel Fritz

Bezirk – Kennen Sie noch Diapositive, diese 24×36 mm kleinen bunten Durchsicht-Bildchen, die beim Vorführen in Leinwandgröße erstrahlen? Aber können Sie sich auch vorstellen, dass die Klitzebildchen als mittelschweres Folterinstrument taugten? Nein? Dann lesen Sie hier über die endlosen Nachmittagsabende eines Elfjährigen in der Reinickendorfer Klixstraße.

Hauptakteure waren Onkel Fritz, mein Vater und ein Bekannter des Hausherrn – nennen wir ihn Schubi. Alle drei überboten sich in der lichtarmen Umweihnachtszeit darin, möglichst viele Dias „an die Perlleinwand zu werfen“, was im erweiterten Familienkreis mit meiner Mutter und Tante Lisa, manchmal auch mit der Frau von Schubi bei Kaffee, Kuchen, nachfolgenden Schnittchen mit Gürkchen zelebriert wurde. Vorab hatten die Männer Unmengen von Dia-Magazinen angeschleppt; allesamt 50er. Jeder der knipsfreudigen Herren steuerte so zwischen sechs bis zehn „Paximat“-Magazine bei. Summa Summarum musste man als Zuschauer 1.200 ermüdende Dias über sich ergehen lassen.

Man kann sich die Wirkung dieser mindestens zwei Badetuch-breiten buntbrillanten Farbbilder nur angemessen vorstellen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass zu diesem Zeitpunkt die Glotzkisten lediglich bildzeitungsgroß und in schwarzweiß vor sich hinstrahlten, denn Farbfernsehen war in den mittleren Sechziger Jahren noch nicht auf Sendung.

Die Bildmotive der Dia­knipser? Nicht viel anders als bei heutigen Langweil-Selfies: Also Mutti vor Alpenpanorama, mit einem Stück Erdbeertorte, zwei, die sich vor einer Kuh-Alm umarmen oder beim Zuprosten. Nicht zu vergessen: Vati (hier durfte die Frau mal den Auslöser betätigen) beim Einsteigen ins familienstolze Auto…

Mitunter allerdings kam unfreiwillig Bewegung in die Standbilder. Nämlich, wenn sich die berüchtigten regenbögigen „Newtonschen Ringe“ zwischen Filmbildchen und Glasscheibe des Diarahmens bemerkbar machten. Es war wohl schon ein Vorgriff auf spätere Discoeffekte. Natürlich setzte bei Ring-Alarm sofort die Fachsimpelei ein. „Verklebst Du deine Dias noch hinter Glas?“–„Ich rahme sie ohne.“ – „Aber ist das nicht gefährlich, wenn man ein Magazin mal falschrum hält und alle Dias auskippen?“

Und immer wieder der Raumlicht-erfüllte gekränkte Blick beim Magazinwechsel auf mich, den aufgeschreckten heranwachsenden Zwangs-Zuschauer: „Hast du etwa die ganze Zeit geschlafen?“ – Naja, so wie man als Elfjähriger bei stinklangweiligen Bild-Motiven nach verdünntem Kaffee, verkniffenen Blähungen und Anflügen von Bauchkrämpfen eben vor sich hindösen konnte. Von den Genfer Konventionen hatten sie in der Klixstraße wohl noch nie gehört …

Dafür von preisgünstigen Nachschub-Quellen: Zum Rohfilm-Kauf ging man am besten „in die Stadt“ zur wegen anderweitiger Offerten verrufenen Augsburger Straße. Dort reihten sich erste Foto-Discounter als Preisbindungs-Umgeher. Es galt, 36er Patronen Agfa CT 18 für unter 13,80 DM zu ergattern, was vor allem bei Zehnerpacks funktionierte. Künftige, nichtendenwollende Vorführ-Qualen waren somit gesichert.

Conny Chronowitz

Inka Thaysen

Ursprünglich beim Radio journalistisch ausgebildet, bin ich seit Ende 2018 für den RAZ Verlag tätig: mit redaktionellen sowie projektkoordinativen Aufgaben für print, online, Social Media und den PR-Bereich.