„Schenk mir doch bitte mal den Kaffee ein!“ Ursula „Uschi“ Schulze, sitzt mit ihrem Mann Horst bei Kaffee und ihrem Lieblings-Marmorkuchen am Wohnzimmertisch. Natürlich erfüllt er den Wunsch seiner Frau. Die beiden sind ein perfektes Team – seit fast 72 Jahren.
Gefunkt hat es im Oktober 1954: „Wir haben uns auf der Togostraße kennengelernt. Ich kam gerade mit einem Kollegen vom Schwimmen, da traf ich diese schöne Frau auf der Straße“, sagt der 87-Jährige. Und seine heute 90-jährige Frau ergänzt: „Ich war ganz fasziniert von ihm, denn er war groß und hatte so schöne braune Augen.“ Anfangs war ihre Beziehung nicht ganz einfach: „Ich war 18 und er 16 Jahre alt, das kam nicht gut an“, erinnert sie sich. Dennoch ließen sie die Leute reden und heirateten am 30. Mai 1959 im Rathaus Reinickendorf. „Geld für ein Hochzeitskleid hatten wir nicht. Es waren schwierige Zeiten. Und so heiratete ich in einem kleinen blauen Kostümchen“, sagt Uschi. „Wir hatten zwar wenig Geld, aber wir waren glücklich!“
Uschi kommt aus Stettin; hatte keine schöne Kindheit. Sie habe immer mal wieder bei Pflegeeltern und im Heim gelebt. Horst hingegen ist ein echter „Urberliner“, wohnte im Zentrum der Stadt. 1944 flüchtete seine Mutter mit ihm und seinen drei Geschwistern aufs Land, zur Großmutter ins Brandenburgische Worin. „Unterwegs wurde unser Pferd erschossen, aber meine Mutter fing einfach ein anderes freilaufendes Pferd ein und spannte es vor die Kutsche“, erzählt Horst. In Worin verbrachte die Familie einige Zeit, bevor es zurück nach Berlin ging. In der Wittestraße bauten sie sich aus Trümmern ihr erstes eigenes Haus. „Ich lernte Schmied in der Schmiede Hannemann gleich um die Ecke an der Wittestraße“, erzählt Horst. Später war er bei der Reichsbahn tätig und dann drei Jahrzehnte lang bei der Müllabfuhr. In seiner Freizeit spielte er Fußball bei Wacker 04. „Er war Verteidiger und nietete hinten alles um“, sagt Uschi von ihrem Mann.
16 Quadratmeter und glücklich
Uschi hatte als junges Mädchen große Träume. „Reporterin wollte ich werden, doch daran war zur damaligen Zeit gar nicht zu denken.“ So ging sie einige Monate in die Handelsschule, doch das wollte ihre Mutter nicht, und sie musste wieder aufhören. Schließlich erhielt sie als 14-Jährige eine Anstellung als Verkäuferin im Obstladen an der Usedomer Straße. Später arbeitete sie als Putzfrau und Haushaltshilfe, bei Schering und in der Wehrmacht-Auskunftstelle.

Ein Kleingarten mit Laube am Wackerplatz war fünf Jahre lang das Zuhause des frischvermählten Paares. „Wir wohnten in einem viermal vier Meter großen Häuschen, und das Klo war am Stall“, erzählt Uschi. Wenn es kalt war, gingen die beiden ins Kino. „Da war es warm – und bis der Film zu Ende war, war unser Häuschen eingeheizt.“ Im Garten bauten sie Gemüse an, unter anderem Bohnen und Tomaten. Und dann zogen sie endlich in ihre erste eigene Wohnung in der Nähe der Scharnweberstraße.
„Auch wenn es arme und schwierige erste Jahre waren, waren wir doch sehr glücklich“, sagt Horst. Und Uschi stimmt ihrem Mann zu: „Unsere ersten Jahre waren die schönsten. Horst war immer mein Teddybär, mein ruhender Pol!“ Als 1966 ihr Sohn geboren wurde, war das Leben der kleinen Familie perfekt. Sie erinnern sich an Sommerfeste in den Kleingartenkolonien Reinickendorfs, an ihre Laube in der Kolonie Gartenfreunde in Heiligensee, an gemeinsame Urlaube in Deutschland, Österreich und in der Wärme Mallorcas.
Heute ist der Lebensmittelpunkt die kleine Wohnung im Ortsteil Reinickendorf unweit der Scharnweberstraße. Ihr Sohn kommt einmal in der Woche, um mit seinen Eltern einkaufen zu gehen. Und dann gibt es noch ihre Enkeltochter, die mittlerweile auch erwachsen ist. Sie ist Omas und Opas ganzer Stolz!
Den Valentinstag am 14. Februar feiert das Paar nicht. Dafür hat Horst seiner „Kleinen“ im Januar eine besondere Freude gemacht: Eine kleine Annonce in der RAZ zu ihrem 90. Geburtstag. „Für mich war das eine Riesenüberraschung, denn ich hatte davon gar keine Ahnung. Ich habe mich so sehr gefreut“, sagt Uschi strahlend.
Und auch, wenn die beiden gesundheitlich nicht mehr ganz so fit sind, sind sie ein perfektes Paar: „Wir sind durch alle Höhen und Tiefen gegangen“, sagt Uschi über ihr gemeinsames Leben. „Aber das Schönste ist, dass wir immer noch zusammen lachen können!“ Und so, als wollten beide diesen Satz nochmal untermauern, geben sie sich einen liebevollen Kuss. Und Horst fügt abschließend hinzu: „Wir sind eben beide seit 66 Jahren glücklich verheiratet – und ich hoffe, es kommen noch viele gemeinsame dazu!“





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