Tegel – Still steht Frank Sieste auf der Aussichtsplattform, schaut durch sein Fernglas und fixiert das Schilf in Ufernähe des Flughafensees. „Hier haben die Zwergdommeln gebrütet. Das war was ganz Besonderes“, sagt er. Doch nicht die Zwergdommeln, von denen es in ganz Berlin nur zwei Brutpaare gibt, stehen heute im Mittelpunkt, sondern er selbst. Denn er ist stolzer Preisträger des Berliner Naturschutzpreises, der alljährlich von der Stiftung Naturschutz Berlin vergeben wird.
Im „richtigen Leben“ arbeitet er bei der Post, aber in seiner Freizeit engagiert sich Frank Sieste seit mehr als 40 Jahren für das NABU-Vogelschutzreservat am Flughafensee und leitet die Arbeitsgruppe, die dieses besondere Gebiet betreut. Von Flora und Fauna – allen voran von Vögeln – war der Reinickendorfer schon seit seiner Kindheit begeistert.
„Mein Opa hat mein Interesse für Vögel geweckt, als ich noch ein Kind war“, erinnert er sich. „Er war so ein richtiger Öko und hat damals im Wedding, wo er zur Miete wohnte, kurzerhand den Hinterhof umgestaltet; mit einem Brecheisen hat er den Asphalt aufgebrochen und dort Pflanzen angepflanzt. Außerdem haben wir oft gemeinsam Feuerholz im Grunewald gesammelt, und dabei hat er mir verschiedenste Vögel gezeigt.“ So entstand sein Interesse für die Ornithologie.
„Manchmal bin ich vom Feiern im Ku-Dorf oder anderen Diskotheken in den frühen Morgenstunden direkt mit dem Fernglas losgezogen, um Vögel zu beobachten“, sagt er. Doch er beklagt auch, dass viele Vogelarten verschwanden, als Reinickendorf mehr und mehr bebaut wurde und Fabriken und neue Wohnviertel entstanden. Mitglied im Deutschen Bund für Vogelschutz, wie der Naturschutzbund damals hieß, ist er bereits seit 1979.
Drei Jahre später, als einige Naturschützer der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz (BLN) die ökologisch wertvollen Bereiche des Flughafensees besetzten, war er mit dabei. „1982 kam der Anruf von Horst Ulrich, nach dem auch die Schutzhütte am Reservat benannt ist, ob ich mithelfen würde“, erinnert er sich. Grund für die Aktion waren die fortgeschrittenen Pläne, die Tegeler Kiesgrube zu einem Freizeit- und Wasserpark umzugestalten.
Doch das konnte die engagierte Gruppe verhindern – und nur ein Jahr später, am 8. Juni 1983, unterzeichnete der damalige 1. Vorsitzende des Deutschen Bundes für Vogelschutz, Dr. Hans-Jürgen Stork, den Pachtvertrag für das Vogelschutzreservat Flughafensee am Südufer. „Damit gründete sich auch die Arbeitsgruppe Flughafensee“, sagt Sieste. „Es ging uns vorrangig darum, das Überleben möglichst vieler Arten zu sichern. Die Themen Artenschwund und Klimawandel waren damals schon aktuell und sind es heute umso mehr.“
Seitdem betreut der Reinickendorfer die Fläche, organisiert Arbeitseinsätze, bekämpft invasive Gehölze, repariert Zäune, beringt Vögel, führt Interessierte durch das Vogelschutzreservat und macht sich außerdem immer wieder auf politischer Ebene für die Ausweisung als Naturschutzgebiet stark.
Der Erfolg gibt ihm Recht: Das Vogelschutzreservat ist zu einem Hotspot der Biodiversität geworden, in dem über 200 Käferarten, viele Libellenarten und Amphibien wie Knoblauchkröte und Wasser- und Grasfrosch, Teichmolche und ganz viele Vogelarten zu Hause sind. Sogar der seltene Wiedehopf hat nun vor zwei Jahren wieder hier gebrütet – der erste seit 1982. „Ich freue mich also sehr über diesen Preis“, sagt er.
Was er sich wünschen würde: „Die Bojenkette muss unbedingt wieder ins Wasser, um das Vogelschutzreservat von der Wasserseite deutlich sichtbar abzugrenzen. „Ohne die Bojen wissen die Schwimmer und Sub-Fahrer nicht, wo das Vogelschutzreservat anfängt, und fahren hinein in die sensiblen Uferzonen. Senat und Bezirk schieben sich hier die Zuständigkeit für die Reparatur der Absperrung hin und her. Dabei wäre die Instandsetzung gar nicht aufwändig. „Angeblich läuft bereits eine Ausschreibung dafür – ich gebe also die Hoffnung nicht auf, dass diese wichtige Absperrung doch noch kommt“, sagt er.