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Ein Festmahl für die Nachtjäger

Unsere Kolumne von Melanie von Orlow

„Ganz Berlin dreht am Rad weil‘s den Eichenprozessionsspinner hat“ – so könnte man aktuell beim Blick in die Zeitungen meinen: Bürgerinitiativen wollen die Grünanlagen lieber aus der Luft mit Insektiziden tränken, anstatt Abstand zu den Tieren mit den unangenehmen Brennhaaren zu halten. Runde Tische werden eingerichtet. Handlungsbedarf und natürlich noch mehr Geld wird eingefordert. Aus einer „ekligen“ Raupe wird eine stadtweite Bedrohung, deren Bekämpfung bereits jetzt schon Millionenbeträge verschlungen hat.

Dabei hat sich Berlin schon seit vielen Jahren ein generelles Biozid-Verbot gegeben und das aus gutem Grund. Nur wenige Einrichtungen wie die Deutsche Bahn dürfen solche Präparate noch einsetzen und das auch nur um die Verkehrssicherheit entlang der Bahngleise zu bewahren – bei dem Rest setzt man auf natürliche Gegenspieler, denn schließlich sind gerade Eichen „Super-Hosts“ an denen Hunderte verschiedener Insektenarten nagen und die von einer Bekämpfung genauso getroffen werden würden wie die eine Zielart. Viele Vögel verputzten viele der nun so lästigen Raupen bereits im Jugendstadium und was jetzt überlebt hat, ist sozusagen nur der „harte Kern“ des Nachtfalters.

Der Eichenprozessionsspinner, dessen Gespinstnester in Trauben- und Stieleichen zu entdecken sind, ist tatsächlich heimisch und ein echter Profiteur des Klimawandels. Die sich aus den Raupen entwickelnden Nachtfalter werden in Kürze ein Festmahl für unsere Fledermäuse bereiten. Kaum jemand weiß, dass 18 der 25 in Deutschland vorkommenden Arten hier in Berlin leben, und sie sind es, die von solchen Falterschwemmen besonders profitieren – aber auch besonders darunter leiden, wenn man dagegen vorgeht. Untersuchungen aus Brandenburg in Gebieten, in denen ein Verwandter, der Schwammspinner, mit Bioziden aus dem Hubschrauber bekämpft wurde, zeigen in den behandelten Gebieten dramatische Bestandseinbrüche bei Fledermäusen im selben Jahr. Da bleibt der Tisch halt leer und Nachwuchs aus.

So hängt das halt mal wieder alles zusammen und bedarf keiner Regulation durch unsere Hand – wenn man sie denn einfach mal lässt. Selbst die Eichen versuchen sich in Gegenwehr und lagern vermehrt Tannine ein, um den Geschmack ihrer Blätter zu vergällen. Manche verzögern den Blattaustrieb, um die Raupen auf Diät zu setzen. Die eine oder andere Eiche wird jedoch der Raupe zum Opfer fallen – auch das ist ein Teil ganz natürlicher Anpassungsprozesse und ganz normal.

Bald ist der Spuk vorbei, dann haben die Raupen ihren Entwicklungszyklus vollendet und die Fledermäuse werden sich ihren Teil holen. Ein bisschen mehr Gelassenheit und Vertrauen in Mutter Natur, liebe Berliner*innen!

Melanie von Orlow

Melanie von Orlow ist als Autorin, Biologin und Imkerin Teil des RAZ-Teams. Beim NABU Berlin engagiert sie sich für den Natur- und Artenschutz in der Stadt.