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Eine Frau nimmt Daten auf
Yvonne bei der Anmeldung in der Notübernachtung. Foto: fle

Hilfe aus dem blauen Bus

Keiner soll auf den Straßen den Kältetod sterben

Märkisches Viertel/Berlin – Ein paar Taschen über der Schulter – das ist alles, was Yvonne besitzt. Sie steht im zugigen Eingangsbereich des U-Bahnhofs Südstern, und man sieht ihr an, dass sie furchtbar friert. Yvonne kommt aus dem Märkischen Viertel und lebt schon seit Jahren auf der Straße. Ihr ist die Erleichterung anzusehen, als der blaue Bus mit der weißen Aufschrift „Kältehilfe“ eintrifft. 

So beginnt eine Nacht für die ehrenamtlichen Helfer der Berliner Stadtmission: Mit einer Liste von wohnungslosen Personen, die Hilfe benötigen. Um 18 Uhr startete die Schicht für Anna-Lena Czech und Andreas Splawski. „Heute ist die Not bei minus 10 Grad besonders groß – und die Zahl der Obdachlosen in Berlin hoch. Da ist unsere Arbeit dringend nötig“, weiß Splawski. Doch ihre erste Aufgabe an diesem Abend ist die Auslieferung von Essen an eine Notunterkunf, denn die Obdachlosen erhalten nicht nur eine warme Übernachtung, Sozialberatung, medizinische Versorgung und die Möglichkeit, sich zu duschen, sondern am Abend auch eine warme Mahlzeit und am Morgen ein Frühstück. Und so wird in der Notübernachtung Kopenhagener Straße das warme Essen dankbar in Empfang genommen. 

Dann geht es weiter – kreuz und quer durch die eiskalte Nacht. „Mit dem Kältebus und der Kälte-Notübernachtung will die Berliner Stadtmission Kältetote in Berlin verhindern“, erklärt Barbara Breuer, Pressesprecherin der Berliner Stadtmission. Die Kältebusse gibt es seit drei Jahrzehnten: Trauriger Anlass war der Erfrierungstod eines Obdachlosen. Der Kältebus ist in diesem Winter noch bis zum 31. März unterwegs, und viele Obdachlose verdanken ihm ihr Überleben.

Jede Nacht erreichen die Stadtmission rund 120 Anrufe – Meldungen zu hilflosen Obdachlosen. Sie kommen meist von Passanten oder Anwohnern, die die Nummer des Kältebusses gewählt haben. „Die Meldungen erscheinen dann als Aufträge auf dem Tablet-PC im Fahrzeug, und wir arbeiten sie dann nach und nach ab. So haben wir auch von Yvonne erfahren“, sagt Splawski, nimmt ihre Taschen und bittet sie, in den Bus zu steigen. 

Rund 7.000 Obdachlose, so schätzt man, gibt es in Berlin. Für sie können die niedrigen Temperaturen gefährlich werden. „Umso wichtiger, dass wir weiterhin unterwegs sind – wenn auch nur mit Ersatzbussen“, sagt Splawski. Er und Anna-Lena setzen Yvonne in einer Notübernachtung ab, und schon geht es weiter – zu anderen Obdachlosen der Stadt.

Ein Anruf kann Leben retten: Der Kältebus ist täglich zwischen 20 Uhr und 2 Uhr unter 030 690 333 690 erreichbar. Obdachlose Menschen bitte vorher immer erst ansprechen und fragen, ob der Kältebus kommen soll. Es werden auch immer ehrenamtliche Helfer gesucht. Weitere Infos unter www.berliner-stadtmission.de/kaeltehilfe

Christiane Flechtner

Christiane Flechtner ist seit mehr als 30 Jahren als Journalistin und Fotografin in Reinickendorf und auf der ganzen Welt unterwegs. Nach 20 Jahren bei der Lokalzeitung Nord-Berliner ist sie seit der ersten Ausgabe mit im Team der Reinickendorfer Allgemeinen Zeitung und anderer Verlagsmedien. Sie arbeitet außerdem als freie Journalistin und Fotografin bei „Welt“, Berliner Zeitung und anderen Zeitungen in Deutschland, Österreich und Luxemburg sowie für u. a. Reise-, Wander- und Tiermagazine.