Bezirk – Vereinzelt sind sie noch im Stadtbild zu sehen: Graue Ungetüme, die an die Schrecken des letzten Krieges erinnern. In Reinickendorf kann ein sogenannter Flachbunker auf dem Gelände des Gesundheitsamtes in der Teichstraße jederzeit von außen und nach Anmeldung bei „Berliner Unterwelten e.V.“ auch von innen besichtigt werden. Er diente im Zweiten Weltkrieg als Operationssaal, der halb in der Erde vergraben war. Heute ist der Bunker ein Museum. Doch seit dem russischen Überfall auf die Ukraine hat sich der Blick auf solche Bauten geändert. Viele fragen sich: Gibt es eigentlich noch funktionsfähige Bunker in Reinickendorf?
Amtsarzt Patrick Larscheid ist kein einsatzbereiter Bunker im Bezirk bekannt. Er beschäftigt sich aber intensiv mit der medizinischen Versorgung bei „Großschadensereignissen“. Darunter falle auch eine militärische Auseinandersetzung. Er gibt zu bedenken, dass jedoch hauptsächlich an nicht-militärische Katastrophen wie Naturereignisse, Stromausfall, Epidemien gedacht werde. Er sagt über die allgemeine Stimmungslage: „Alles andere ist igitt, keiner will glauben, dass es Krieg gibt.“ Nachdenklich fügt er hinzu: „Große Teile der Medizin sind nicht vorbereitet.“
Er selbst war 14 Jahre zivilangestellter Arzt bei der Bundeswehr und kennt sich mit Szenarien aus, die so recht keiner hören will. So sorgt er sich um die Trinkwasserversorgung und die Ausgabe von Medikamenten an große Bevölkerungsgruppen im Krisenfall. Eine solche Massen-Medikamentenausgabe wurde im September 2024 im Bezirk geübt, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Reinickendorf habe damit im internationalen Vergleich eine Vorreiterrolle eingenommen. Die Ergebnisse seien intensiv „nachbearbeitet“ worden. Als Mitglied eines Fachberatergremiums für Berlin und Brandenburg befasst sich Larscheid zudem mit dem Thema biologische Kriegsführung. Mehr möchte er dazu nicht sagen.
Auch Burkard Dregger treibt das Thema einer militärischen Auseinandersetzung um. Er ist direkt gewählter Abgeordneter der CDU für den Wahlkreis Reinickendorf Ost und innenpolitischer Sprecher innerhalb seiner Fraktion. Der studierte Jurist und praktizierende Rechtsanwalt hat seinen Wehrdienst geleistet und sich anschließend zum Reserveoffizier ausbilden lassen. Nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 nahm er erneut an Übungen der Bundeswehr teil. Seitdem ist er Verbindungsoffizier zwischen militärischen und zivilen Stellen im Katastrophenfall und übt einmal im Jahr für drei Wochen den Ernstfall.
Nach eigenen Angaben führt Dregger täglich Gespräche mit besorgten Bürgern. Die Corona-Pandemie und der Stromausfall in Zehlendorf seien „Weckrufe“ gewesen. Anschläge von Ex-tremisten könnten jederzeit wieder stattfinden. Auch „ausländische Mächte, die Interesse an Sabotage, Schwächung und der Verunsicherung in Deutschland“ hätten, müssten berücksichtigt werden. Als wichtigen ersten Schritt nennt er die Reform des Polizei- und Ordnungsrechts in Berlin, durch die der Polizei erweiterte Befugnisse eingeräumt wurden.
Überlegungen, Bunker zu planen, seien Dregger nicht bekannt. Es gehe vielmehr darum, „bestehende Infrastruktur zu härten“. Er denkt in erster Linie an U-Bahnstationen, die als Schutzräume für die Zivilbevölkerung in Frage kämen und verweist auf Erfahrungen aus der unter russischem Dauerbeschuss stehenden Berliner Partnerstadt Kiew. Eine große Verantwortung trage jeder selbst. Er verweist auf die Empfehlungen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophen (siehe Infokasten). Für zwei Wochen sollte sich jeder Haushalt mit Wasser und Nahrung bevorraten „ohne staatliche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen“.
Das Bezirksamt informiert im Internet über Maßnahmen im Katastrophenfall (siehe Infokasten), hält Flyer in sechs Sprachen bereit und bietet einen WhatsApp-Kanal mit Informationen an. Dort finden sich „Tipps bei Stromausfall“. So wird empfohlen Taschenlampen, statt Kerzen zu verwenden, ein batteriebetriebenes Radio zur Hand zu haben und die „Nachbarn zu checken“. Zudem gibt es sogenannte „Katastrophenschutz-Leuchttürme“, die bei „einer langanhaltenden flächendeckenden Unterbrechung der Stromversorgung eingerichtet werden“. Dort könne man sich einfinden, auch um weitere Informationen zu erhalten. Mehmet Ali Burak vom Bezirksamt sagt: „Im Katastrophenschutz funktioniert nichts im Alleingang. Entscheidend ist das Zusammenspiel unserer ehrenamtlichen Mitarbeitenden sowie der Hilfsorganisationen.“





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