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Ein Mann steht auf einer stark beschädigten Straße
Ulf Wilhelm auf der Zeltinger an der Nahtstelle zwischen instandgesetzter Asphaltdecke und Schlaglöchern. Foto: bs

„Mumpe“ gegen Schlaglöcher 

Ortsbegehung mit dem Bezirksverordneten Ulf Wilhelm auf der Zeltinger Straße

Frohnau – Wie eine „Krokodilhaut“ sehe die Straße am Zeltinger Platz vor der Johanneskirche aus, sagt der Bezirksverordnete Ulf Wilhelm (CDU). Sobald ein Auto darüberfährt, klappert es, als würde sich ein Skelett schütteln. Wilhelm sagt trocken: „Die Straße ist am Ende.“ Neue Schlaglöcher seien nur eine Frage der Zeit. Überall im Bezirk zeigen sich die Spuren des harten Winters. Aus dem Bezirksamt heißt es: „Die anhaltenden und außergewöhnlich niedrigen Temperaturen haben zu einer deutlich stärkeren Beanspruchung der Fahrbahnen geführt und entsprechend mehr Schäden im Vergleich zum letzten Jahr verursacht.“

Nur wenige Meter weiter auf der Zeltinger Straße wurde im Dezember vor dem großen Wintereinbruch eine kurze Wegstrecke bis zur Markgrafenstraße mit einer neuen Asphaltdecke versehen. Es war noch Geld da, das im alten Jahr schnell investiert werden musste. Aber es reichte eben nur für etwa 400 Meter. Viel deutlicher kann der Verfall von Straßen nicht gezeigt werden als an dieser Nahtstelle zwischen instandgesetzter Oberfläche und dem Originalzustand mit der weggeplatzten „Verschleißschicht“, wie Wilhelm sie nennt.

Auf Nachfrage der RAZ sagt ein Sprecher des Bezirksamtes (der seinen Namen nicht nennen möchte), dass „die Schadstellen systematisch erfasst, nach Dringlichkeit bewertet“ und „unmittelbare Gefahrenstellen und Schlaglöcher zunächst provisorisch geschlossen“ werden, „um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten“. Dunkle Kleckse auf der Zeltinger Straße zeigen dieses Bemühen, einige Löcher schnell aufzufüllen. Danach folge, nach Auskunft des Bezirksamtes, „eine Bewertung nach Dringlichkeit und im Anschluss eine entsprechende dauerhafte Instandsetzung“. 

Wilhelm kommt gerade vom Zahnarzt und vergleicht das provisorische Verfüllen von Schlaglöchern mit der schnellen Füllung eines von Karies befallenen und ausgebohrten Zahns. Das halte bekanntlich nicht lange. Der studierte Bauingenieur spricht von „Kaltasphalt“ als erste Hilfsmaßnahme bei Schlaglöchern. Im Volksmund hieße das auch „Mumpe“. Doch spätestens zwei oder drei Monate später müsse grundlegender zu Werke gegangen werden. Der Bezirksverordnete sieht großen Reparaturbedarf im ganzen Bezirk und erwähnt besonders die Ollenhauerstraße und die Straße in Alt-Lübars. Dort sollen dieses Jahr die grundlegenden Arbeiten beginnen. 

Das Bezirksamt hat für die Monate Dezember bis einschließlich Januar „insgesamt 432 Meldungen zu neuen Schlaglöchern erfasst“. Wilhelm gibt zu bedenken, dass damit die Schäden seit dem Zurückweichen des Winters Ende Februar noch nicht mitgezählt seien. Allgemeinverständlich erklärt der Fachmann den Alterungsprozess von Straßen. Zuerst sei das Bitumen elastisch und fange die Stöße von Autos ab. Mit der Zeit werde es spröde und kleine Risse bildeten sich. Wasser dringe ein, das sich bei Kälte ausdehne. Dabei platze die Straße auf, Schlaglöcher entstünden. 

Dieser Vorgang dauere, je nach Intensität des Verkehrs, 15 bis 20 Jahre nach Neubau einer Straße. Natürlich würde ein kalter Winter, wie wir ihn gerade erlebt haben, alles beschleunigen. Aber „die großen Themen“ sehe er eher bei dem fachgerechten Bau und dem starken LKW-Verkehr. Er sagt, dass nachgewiesenermaßen ein Lastkraftwagen so viel Schaden anrichtet wie etwa tausend PKW. Zudem mache es der Fachkräftemangel den Bezirken immer schwerer, die Straßen in Ordnung zu halten. Diese beiden Probleme seien größere Schwierigkeiten als ein harter Winter, sagt Wilhelm.

Als Bauingenieur rede er lieber über Netzrisse, Spannungsrisse und Reflexionsrisse im Asphalt, aber als erfahrener Bezirkspolitiker müsse er auch über die Finanzknappheit sprechen. Der Senat weise bei weitem nicht genug Geld an, um „mit diesen Mitteln die Straßen erhalten zu können“. Das sei in allen Bezirken so und treffe auch auf Reinickendorf zu. Die im Bezirkshaushalt ausgewiesenen 6,5 Millionen Euro für 2026 und 6,2 Millionen Euro 2027 reichen für den gesamten Tiefbau und die Straßenverwaltung, worunter auch „die Beseitigung von Beschädigungen“ falle, bei weitem nicht aus.

Bertram Schwarz

Meine erste journalistische Station war die Schülerzeitung meiner Schule, später war ich für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten als freier Mitarbeiter tätig, nach dem Studium als politischer Redakteur beim NDR und später als Geschäftsführer verschiedener Medienfirmen. Seit 2019 arbeite ich als freier Autor für die RAZ.