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Norbert Raeder – Foto: fle

„Öffnet sofort das Ibis-Hotel wieder!“ 

Norbert Raeder hat Petition gegen die Umwidmung zur Geflüchteten-Unterkunft initiiert

Anfang Dezember wurden die Mitarbeiter des Hotels Ibis in der Straße Alt-Reinickendorf vor vollendete Tatsachen gestellt: Das Hotel werde in zehn Tagen kein Hotel mehr sein, sondern eine Unterkunft für Geflüchtete. Das war ein großer Schock – nicht nur für das Personal des Hotels, sondern auch für Anwohner und Bezirksamt: Ebenso wie das Hotelpersonal wurde auch das Bezirksamt erst am 1. Dezember über die Planungen in Kenntnis gesetzt. Zwei Wochen später zogen die ersten Geflüchteten ein. Das  Gerücht, das Hotel als Unterkunft für Geflüchtete zu nutzen, stand in den vergangenen Jahren immer wieder im Raum, nun ging alles ganz schnell: „Die Entscheidung, weitere Hotel- beziehungsweise Hostel-Kontingente anzumieten, ist eine Reaktion auf die Entscheidung, die Notunterkunft Tegel zum Jahresende zu schließen“, erklärt Stefan Strauß, Sprecher der Senatsverwaltung für Arbeit und Soziales. Die Unterbringung der Geflüchteten in den Leichtbauhallen am TXL war nur für wenige Tage gedacht; für viele wurden daraus Monate.

Für viele Reinickendorfer ist die Umwidmung des Hotels ein Schock – vor allem, weil es gut gebucht war und die umliegenden Restaurants und Geschäfte von den Gästen profitierten. 

Norbert Raeder (Foto), Bezirksverordneter und ehemaliger Inhaber des Kastanienwäldchens  an der Resi, befürchtet, dass die Schließung den ohnehin schon schwierigen Kiez noch weiter runterzieht – und hat kurzerhand eine Petition gestartet mit dem Titel „Öffnet sofort das Ibis-Hotel wieder!“ Bereits 500 Menschen haben unterschrieben, weitere können das auf www.change.org tun.

Auch die Bündnisgrünen kritisieren in einer Pressemitteilung: „Wenn in Alt Reinickendorf kurzfristig 232 geflüchtete Menschen in eine Unterkunft ziehen sollen und viele Anwohnerinnen und Anwohner erst aus den Medien davon erfahren, ist das ein Kommunikationsversagen. Das schafft Misstrauen und unnötige Unruhe. Humanität und Transparenz gehören zusammen.“ Jelisaweta Kamm, Direktkandidatin für die Berlinwahl, betont: „Ich erwarte jetzt […] eine zeitnahe öffentliche Informationsveranstaltung im Umfeld der Unterkunft. Die Sorgen im Kiez müssen ernst genommen werden.“

Ins Hotel statt zum TXL

Die Unterbringung am TXL war kostenintensiv und nicht integrationsfördernd. Darüber hinaus hatten die Menschen in den so genannten Waben-Räumen mit bis zu 14 Betten keinerlei Privatsphäre. Nun haben in den vergangenen sechs Monaten rund 4.500 Menschen das Ankunftszentrum in Tegel verlassen. Sie wurden in Unterkünften in ganz Berlin untergebracht – in neuen oder bestehenden Heimen, Hotels oder Hostels.

„Am 18. Dezember ist die letzte geflüchtete Person aus der Notunterkunft Tegel ausgezogen. Geplant ist nun, dass das Terminal C in Tegel umgebaut wird, um dort eine Aufnahmeeinrichtung zu eröffnen unter verbesserten Bedingungen und ohne Leichtbauhallen – im ersten Schritt mit einer Kapazität von bis zu 500 Plätzen“, sagt Strauß. 

Die zuvor eingesetzten Leichtbauhallen werden abgebaut und durch Container ersetzt, die dann eine Kapazität von bis zu 2.600 Plätzen haben sollen. Das Gelände am TXL soll bis mindestens 2031 als zentrales Ankunfts- und Registrierzentrum genutzt werden, im Gegenzug wird das Ankunftszentrum auf dem Gelände der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik geschlossen. Vorübergehend wurden rund 250 Berliner nach dem Stromausfall in Steglitz-Zehlendorf untergebracht.

Doch die Flüchtlingswelle ist nicht zu Ende, weiß Sascha Langenbach, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF): „Derzeit erreichen wöchentlich rund 220 Menschen aus der Ukraine Berlin.“ Und Stefan Strauß fügt hinzu: „Die Koalition legt den Schwerpunkt aktuell auf die Unterbringung in Hostels oder Hotels.“

Die Leichtbauhallen am ehemaligen Flughafen Tegel werden nach und nach abgebaut und durch Container ersetzt. Foto: fle

Im Falle des ehemaligen Ibis-Hotels wurde ein Vertrag mit dem Betreiber des Hotels geschlossen. Das Haus wird von einigen ehemaligen Mitarbeitern weitergeführt. Das Hotel verfügt über 232 Plätze und ist aktuell mit 54 Personen belegt. „Es handelt sich dabei um Geflüchtete aus der Ukraine. Die meisten der aktuell nach Berlin kommenden -Ukrainer stammen aus den umkämpften Regionen in der Ost-Ukraine“, erklärt Langenbach.

Auch die Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner (CDU)  hat ihre Bedenken mit Nachdruck geltend gemacht. Sie verweist auf die fehlenden infrastrukturellen Voraussetzungen, um in der Umgebung des Hotels Integration überhaupt zu ermöglichen. Dazu fehlten Schulplätze – erinnert sei daran, dass der Ortsteil seit langem und bislang vergeblich auf einen Schulneubau hofft – sowie  nötige Kultur-, Bildungs-, Sport- und Freizeitangebote. „Das Bezirksamt Reinickendorf kann immer nur auf diese fehlende Infrastruktur hinweisen Letztlich aber entscheidet der Senat. Dessen Entscheidungen kann auch das Bezirksamt nicht stoppen“, sagt ein Sprecher des Bezirksamtes. 

Eine positive Nachricht für Reinickendorf: Der geplante Wohncontainer für Geflüchtete am Borsigturm in Tegel  „ist durch einen Koalitionsbeschluss vorerst ausgesetzt“, so Strauß. 

Christiane Flechtner

Christiane Flechtner ist seit mehr als 30 Jahren als Journalistin und Fotografin in Reinickendorf und auf der ganzen Welt unterwegs. Nach 20 Jahren bei der Lokalzeitung Nord-Berliner ist sie seit der ersten Ausgabe mit im Team der Reinickendorfer Allgemeinen Zeitung und anderer Verlagsmedien. Sie arbeitet außerdem als freie Journalistin und Fotografin bei „Welt“, Berliner Zeitung und anderen Zeitungen in Deutschland, Österreich und Luxemburg sowie für u. a. Reise-, Wander- und Tiermagazine.