In den letzten Jahren sind sie auch nach Reinickendorf gekommen – ob auf zwei oder vier Rädern, in Schwarz oder grün-weiß: Sharing-Anbieter wie Lime oder Miles haben ihre Roller, Räder oder Autos ausgeschüttet und sprenkeln Gehwege und Parkflächen. Tatsächlich nicht unpraktisch, wenn man von Reinickendorf in aller Frühe zum Flughafen BER kommen möchte – preiswerter als mit dem Taxi kann man die Familie samt Koffer durch das frühmorgendlich leere Berlin kutschieren.
Für 99 Cent pro Kilometer kann man allerlei neue Spielereien der Autoindustrie ausprobieren und das teure Gerät nah am Terminal für Anreisende hinterlassen. Während die Roller auf der Abrechnung eher teuer und unfallträchtig sind, ist der schnelle Griff zu einem Leihfahrrad ein echter Gewinn, um sich schnell auch mal in unbekannten Ecken umschauen zu können.
Die neue Mobilität hat einen Preis: Auf den Gehwegen hat sich weiteres Chaos eingestellt. Umgestürzte Leihräder und Roller sind nicht nur Ärgernis wie Hundehaufen und Sperrmüll, sondern können auch Unfälle und Sachschäden verursachen. Kürzlich beobachtete ich einen Vater in Begleitung seines Sohnes, der ein im Weg platziertes Leihrad beiseitestellte.
Als das Fahrrad trotz der Ermahnung des Sohnes umstürzte und es der Vater liegen ließ, stellte der vielleicht sechsjährige Sohn seinen Vater couragiert zur Rede. Die platte Antwort des Vaters: Es sei nicht seine Aufgabe, sich darum zu kümmern.
Eine traurige Antwort – immerhin hatte das Fahrrad zuvor noch gestanden, wenn auch im Weg.
Darin liegt wohl ein Teil des Problems: Keiner fühlt sich verantwortlich. Selbst wenn ein ordentlich geparktes Leihrad umstürzt, hebt es allenfalls derjenige auf, der es als nächstes nutzen mag. Würde man das Chaos auf Stationsflächen konzentrieren, würde es wohl nur das Chaos etwas einhegen, aber wohl dem reihenweisen Umwerfen der Leihgeräte Vorschub leisten.
In Paris konnte ich mir kürzlich das günstige Vélib-System anschauen, das mit einem dichten Netz von festen Stationen arbeitet, an denen die Räder geliehen und abgegeben werden müssen. Ist eine Station jedoch voll, muss man bis zur nächsten fahren, um das Rad abzugeben. In der zugehörigen App kann man genau einsehen, wie viele Fahrräder und eBikes an einer Station stehen. Dabei ist ein Umfallen der Räder ausgeschlossen. Wer nun aber denkt, man kann nun aufgrund der besseren Abstellmöglichkeiten bessere Fahrräder erwarten, wird schnell enttäuscht: Platte Reifen, defekte Bremsen und andere Schäden waren eher die Regel als die Ausnahme.
Schade, dass das geteilte Eigentum offenbar überall nicht als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden wird – mal ein Roller oder Rad wieder aufrichten und sicher an die Seite zu stellen, sollte man sich als Karmapunkt auf die tägliche to-Do-Liste setzen. Bringt keinen um, bewahrt aber womöglich andere davor. Einfach mal ausprobieren!





![PTT_NSG_Banner_TopMag_300x250px[1]](https://raz-zeitung.de/wp-content/uploads/2024/10/PTT_NSG_Banner_TopMag_300x250px1.jpg)