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Viele Blindgänger werden vermutet

Tegel – Anfang Mai erlosch die Widmung des Flughafens Tegel. Das hieß, bis zu diesem Zeitpunkt musste das Gelände als Flughafen bereitgehalten werden. Sofort danach begannen die Arbeiten von Tegel Projekt, das nunmehr endgültig ehemalige Flughafengelände nach Bomben und Granaten abzusuchen (die RAZ berichtete). Der Teilprojektleiter der Tegel Projekt für die Kampfmittelräumung André Dahm beantwortete Fragen nach dem aktuellen Stand.

Haben Sie schon etwas gefunden?

Ja, wir haben in der ersten Woche etwa 30 Munitionsteile mit einem Gesamtgewicht von rund 170 Kilogramm gefunden.

Wie gehen Sie bei der Kampfmittelräumung vor?

Der Boden wird zunächst mit Metalldetektoren systematisch abgesucht, dann schichtweise abgetragen und in einer Separierungsanlage sorgsam untersucht. Bei Flächen, die keine Anomalien aufweisen, wird der Boden je nach Nutzungserfordernis zwischen 30 und 160 cm ausgehoben. In Verdachtsgebieten, die nach der Luftbildauswertung auch Bombentrichter aufgewiesen haben, erfolgt der Aushub sehr viel tiefer. Sind die dort möglicherweise vorgefundenen Kampfmittel transportfähig, verbringt sie die Polizei zum Sprengplatz Grunewald. Sind sie es nicht, werden sie an Ort und Stelle entschärft oder gesprengt. Bislang gab es vor Ort zwei kleinere Sprengungen ohne nennenswerte Auswirkung auf die Umgebung. Eine weiträumige Evakuierung war nicht erforderlich.

Bis zu welcher Tiefe kann ein Metalldetektor Kampfmittel aufspüren?

Das Ergebnis der Sondierungen hängt stark von der Dichte der Störkörper ab. Wir haben meist in den ersten Metern einen sehr hohen Anteil an Störkörpern (u.a. Blindgänger und Eisenmetallteile). Dann können wir zwischen 10 und 30 cm tief gehen. Meistens erhalten wir nach 1 bis 1,5 m Tiefe eine ordnungsgemäße Sondierfläche, in der auch schon größere Kampfmittel erkannt werden können. Dank historischer Luftaufnahmen und anderer Aufzeichnungen wissen wir, wo sich konkrete Verdachtsgebiete befinden und wo wir gezielt weiter in die Tiefe gehen müssen. Dort tragen wir dann den Boden schichtweise bis zu sechs Meter ab, um jede Gefährdung auszuschließen.

Wie kann es sein, dass auf einem kampfmittelverseuchten Gelände jahrzehntelang intensiver Flugverkehr abgewickelt wurde?

Aufgrund der stabilen Ausführung des Vorfeldes und der Start-, Lande- und Rollbahnen lag kein Gefahrenpotenzial vor. Des Weiteren wurden die Seitenpisten der Landebahnen von Kampfmitteln befreit, so dass der reguläre Flugbetrieb gefahrlos möglich war. Nun sollen aber auch die bislang unberührten Flächen jenseits davon bebaut und für die Öffentlichkeit zugänglich werden. Das geht nur, wenn hier vorher Klarschiff gemacht wird.

In welchen Etappen suchen Sie die 500 Hektar des ehemaligen Flughafens ab?

Mehr als 400 Hektar des Areals sind noch nicht nach Stand der Technik kampfmittelberäumt. Wir beginnen mit den drei aktuell wichtigsten Bereichen: der zentralen Baustellenzufahrt am Kurt-Schumacher-Damm und der Südzufahrt, von der General-Ganeval-Brücke aus kommend, sowie dem Gebiet des ersten Bauabschnitts für das Schumacher Quartier. Danach wird sukzessive im Vorfeld der jeweiligen Baumaßnahmen sondiert und beräumt. Ein Schwerpunkt wird auch auf der Freigabe des Landschaftsraums liegen, den wir damit Schritt für Schritt für die Bevölkerung zugänglich machen können.

Wie viele Kampfmittelräumer sind auf dem Gelände unterwegs?

Aktuell sind es zirka 15 Personen. Wenn wir mit den weiteren Flächen beginnen, werden es sicher 30 bis 40 sein.

Wie gefährlich ist die Arbeit für Sie und die Bevölkerung?

Natürlich ist der Umgang mit explosionsgefährlichen Stoffen immer mit einem hohen Risiko für das Räumteam verbunden. Die Mitarbeiter sind hinsichtlich dieser Risiken geschult und können eine Gefahrenlage immer gut einschätzen. Für die Bevölkerung besteht bei den Arbeiten keinerlei Gefahr. Sollte gefährliche Munition entdeckt werden, wird im Umkreis abgesperrt und ggf. auch evakuiert. Vornehmlich wird dabei aber unser Baustellengeschehen betroffen sein und weniger die Nachbarschaft.

Werden Sie alle Bomben auf dem Gelände finden?

Wir haben uns intensiv mit dem Areal beschäftigt und beräumen die definierten Bereiche nun systematisch und flächendeckend. Ein gewisses Restrisiko kann aber nie gänzlich ausgeschlossen werden; das zu behaupten wäre unseriös. Unser Ziel ist es aber, dieses Restrisiko so weit zu minimieren, wie es nach den Nutzungskategorien der jeweiligen Entwicklungsgebiete heute erforderlich und möglich ist.

Danke für das Gespräch.

Interview Bertram Schwarz

Hier wurde ein 85-mm-Zünder ausgebuddelt. Foto: KMR/Döring

Inka Thaysen

Ursprünglich beim Radio journalistisch ausgebildet, bin ich seit Ende 2018 für den RAZ Verlag tätig: mit redaktionellen sowie projektkoordinativen Aufgaben für print, online, Social Media und den PR-Bereich.