Koordinatorin des Stadtteilzentrums, Kathleen Herkt
Koordinatorin des Stadtteilzentrums, Kathleen Herkt, Foto: bs

Von Kinderarmut und Kita-Not

Serie Stadtteilzentren in Reinickendorf / Teil 5: Stadtteilzentrum Auguste-Viktoria-Allee

Reinickendorf – Stadtteilmutter ist ein schönes Wort. Shiva Khodadadi ist eine solche im Mehrgenerationenhaus des Stadtteilzentrums Auguste-Viktoria-Allee. Sie hat nur kurz Zeit für ein Gespräch. Dann muss sie wieder los. Ihre Arbeit als Mutter für den Stadtteil ruft. Sie geht zu Familien, in denen es Schwierigkeiten gibt. Sie kümmert sich darum, einen geeigneten Kinderarzt zu finden oder einen Therapieplatz für auffällige Jugendliche. Sie geht in Unterkünfte für Geflüchtete und hilft auch dort bei der Suche nach einem Kitaplatz. Und immer wieder ist sie im Kontakt mit dem Jugendamt. Die insgesamt drei Stadtteilmütter arbeiten eng mit den neun „Integrationslotsinnen“ zusammen. 

Die Lotsinnen unterstützen die hilfesuchenden Menschen in dem Familienzentrum. Sie gehen nicht raus zu den Familien, sondern beraten im Büro. Die Koordinatorin des Stadtteilzentrums, Kathleen Herkt, lobt die Mütter und Lotsinnen, weil sie „so wahnsinnig viel Erfahrung“ haben. Die Arbeit von Herkt basiert auf dem „Integrierten Handlungskonzept für den Handlungsraum Auguste-Viktoria-Allee“. Die Überschrift klingt etwas holprig und auch der 81 Seiten lange Text ist wegen der vielen Abkürzungen nicht immer leicht zu lesen. Aber die Daten sind hochinteressant. Es ist die Bestandsaufnahme eines sehr gemischten Viertels mit mehr als 27.000 Einwohnern. Das ist in anderen Teilen Deutschlands eine veritable Kleinstadt. 

In unmittelbarer Nachbarschaft auf der anderen Seite der Autobahn soll auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel eines der modernsten Wohnviertel Berlins entstehen. Das Schumacher Quartier. Bislang wird das Gelände dafür noch vorbereitet. Koordinatorin Herkt ist aber über die „Gesamtplanung dort nicht viel bekannt“. Sie konzentriert sich auf ihren Kiez. Dort erhalten 23 Prozent der Erwerbstätigen nach Auskunft des Handlungskonzeptes staatliche Transferleistung, leben 53 Prozent der Kinder in Armut (Durchschnitt Berlin 26,9 Prozent) und nur 55,7 Prozent der Kinder haben einen Kitaplatz (Durchschnitt Berlin 64,7 Prozent). Das Mehrgenerationenhaus besteht aus dem „Familienzentrum“, dem „Auguste Mädchen- und Frauentreff“ und der Kita. Jacqueline Ponnier und Bettina Jannotte leiten die Kita mit 75 Kindern. Diese platzt aus allen Nähten. Schon mussten Container aufgestellt werden. Auch Erzieher und Erzieherinnen fehlen. Die Konsequenz ist ein Aufnahmestopp. Dabei wächst der Auguste-Viktoria-Allee-Kiez immer weiter. Vor allen Dingen junge Familien mit Kindern ziehen hierher. 

„Der Anteil ausländischer Einwohner*innen“ ist nach dem Handlungskonzept auf 31,1 Prozent gestiegen (Durchschnitt Berlin 20,9 Prozent). Sowohl die offizielle Erhebung wie auch Herkt betonen, dass es „kein großes Kriminalitätsproblem“ gebe. Das Zusammenleben sei hier weitgehend friedlich. 

Aber die Menschen brauchen Hilfe, „um Deutschland zu verstehen“, sagt Herkt. „Stellen Sie sich vor, wir wären in Syrien. Wie verloren wären wir dann!“ Vor allen Dingen im Umgang mit den Behörden brauchen viele Unterstützung. Dafür hat sie insgesamt 65 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Allein 30 davon arbeiten in der Kita. Der „Auguste Mädchen- und Frauentreff“ wird gerade grundlegend renoviert. Der Träger der ganzen Anlage ist die Albatros gGmbH. Das Gelände soll zukünftig stärker gärtnerisch gestaltet werden. Dafür sucht Herkt noch Ehrenamtliche.

Hochgeachtet ist weiterhin der Gründer des Mehrgenerationenhauses, Richard Palm. Er baute diese Einrichtung 2006/2007 auf und starb vor zwei Jahren. Ein Bild von ihm hängt im Familienzentrums. „Wir lieben ihn immer noch sehr“, sagt eine der Lotsinnen.

Ein weiteres Arbeitsfeld ist die „Partnerschaft für Demokratie“. Thomas Engler entwickelt Projekte „zur Förderung von Demokratie, Vielfalt und Extremismusprävention“. Vor kurzem nahm er Aktivitäten von den rechtsradikalen Organisationen „Der dritte Weg“ und „Die Heimat“ wahr, die „die Ängste gegen Menschen mit Migrationshintergrund“ zu schüren versuchten. Dem will er entgegenwirken mit seiner „proaktiven Arbeit für ein demokratisches und faires Miteinander“.

Bertram Schwarz

Meine erste journalistische Station war die Schülerzeitung meiner Schule, später war ich für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten als freier Mitarbeiter tätig, nach dem Studium als politischer Redakteur beim NDR und später als Geschäftsführer verschiedener Medienfirmen. Seit 2019 arbeite ich als freier Autor für die RAZ.

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