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Ein Igel auf Händen getragen
Foto: mvo

Wo sind nur unsere ­„Stachelritter“ hin?

Unsere Kolumne von Melanie von Orlow

Frühlingsbeginn – Zeit, die guten Vorsätze vom Jahresanfang endlich umzusetzen. Beim Berliner Naturschutztag Ende Februar war ich erschüttert, über das Schwinden des hiesigen Braunbrust-Igels zu erfahren. Die Verluste sind dramatisch – 20 Jahre gibt Anne Berger vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) dem Europäischen Igel noch, dann ist er weg! 

In meiner Kindheit habe ich oft herbstliches „Igel-Lauschen“ gemacht und mich bei trockenem Laub in der Dämmerung auf die „Jagd“ gemacht – man hört die „Stachelritter“ durch das Laub knistern und konnte sie schnell finden, um sie zu beobachten. Bei der Recherche durch mein Fotoarchiv musste ich feststellen, dass ich den letzten Igel 2017 dokumentiert hatte. Wo sind sie denn nur hin?

Die Gefahren für die Stacheltiere sind gewaltig und nur teilweise bekannt: Verletzungen durch nächtlich fahrende und angeblich „Igel-sichere“ Rasenmähroboter, ausgeräumte Gärten ohne Futtertiere, Vergiftungen durch Schneckenkorn, Ertrinken in Gartenteichen, Überfahren, nichtquerbare Zäune … Es ist dramatisch, wie schwer es Igel inzwischen im städtischen Lebensraum haben. Selbst in meinem ansonsten gift- und rasenfreien Garten habe ich schon ewig keinen mehr gesehen. Eine Fotofalle bräuchte es, um sicher zu sein. Noch etwas für die to-Do-Liste!

Also habe ich sicherheitshalber schon mal losgelegt und noch ein paar weitere „Igelfenster“ in den ansonsten zu engen Gartenzaun geschnitten. 10×10 Zentimeter reichen, damit Igel passieren können. Treppenstufen lassen sich mit Backsteinen für Igel kletterbar machen und Igelquartiere können mit alten Europaletten gestaltet werden, unter die sich die Tiere gerne ein sicheres Quartier einrichten. Etwas Heu und Laub darunter gestopft unterstützt die Einquartierung. Eigentlich ganz einfach. Ausreichend Sträucher und Laub habe ich ja schon, letzteres bleibt grundsätzlich unter Sträuchern liegen, um den Boden zu schützen und zu düngen. Außerdem finden sich darunter Regenwürmer und Schnecken – des Igels Abendessen.

In England wird seit gut zehn Jahren systematisch Igelschutz betrieben und zumindest erreicht, dass das Abnehmen des Bestandes verlangsamt wurde. Jedoch gibt es noch immer keinen Zuwachs der Individuenzahlen – und hier in Deutschland scheint bisher gar nichts zu passieren. Die Hersteller von Mährobotern schwören auf angeblich igelsichere Geräte, einige wenigere Kommunen haben bereits Nachtfahrverbote für die Roboter erlassen. Doch das ist nur eine von vielen Maßnahmen, die es für den Igel braucht – Zeit wird’s, liebe Reinickendorfer und Reinickendorferinnen: Mitmachen beim Igelschutz!

Melanie von Orlow

Melanie von Orlow

Melanie von Orlow ist als Autorin, Biologin und Imkerin Teil des RAZ-Teams. Beim NABU Berlin engagiert sie sich für den Natur- und Artenschutz in der Stadt.