Wittenau – In seinem Garten blühen die Blumen, eine Kohlmeise badet im Wassernapf, Schäfchenwolke ziehen durchs Himmelblau: Eberhard Kluge sitzt in einem Gartenstuhl, hat einen Ostfriesentee vor sich und blättert in einem dicken Stapel alter Unterlagen. Dann schaut er auf und blickt durch das Grün des Gartens ins Leere. „Es ist jetzt 40 Jahre her – und noch immer ist alles ganz präsent“, sagt er und meint damit die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. „Es ist, als wäre es erst gestern gewesen, und – wenn man die Halbwertzeit von Strontium, Cäsium oder Plutonium bedenkt – sind vier Jahrzehnte nichts. Die Normalität ist in Tschernobyl immer noch Tausende von Jahren entfernt.“ Der Reaktorunfall ereignete sich am 26. April 1986 im Norden der Ukraine, in unmittelbarer Nähe der Großstadt Prypjat.
„Tilo Birkholz, 1994 Pfarrer in unserer Gemeinde, hörte, dass der Kinderchor Krynitza aus Weißrussland in Berlin zu Gast ist – und ludt die Kinder in die Kirche ein“, erinnert sich der 87-Jährige. „Und schnell entstand bei uns der Wunsch, die Kinder in ihrer Heimatstadt Mogilev zu besuchen.“ Gesagt, getan: Am 1. Mai 1995 machten sich Kluge und Pfarrer Birkholz auf den Weg nach Mogilev, der drittgrößten Stadt Weißrusslands. „Es waren die Bilder der strahlengeschädigten Kinder, die große wirtschaftliche Not und die Armut der Bevölkerung, die uns klar machten: Hier wird dringend humanitäre Hilfe benötigt“, sagt Kluge.

Zwar befindet sich Tschernobyl in der Ukraine nahe der weißrussischen Grenze, doch die Winde standen an den Tagen nach der Reaktorkatastrophe ungünstig für Belarus: Sie wehten direkt von der Ukraine in den Nordosten – und hiermit geradewegs in die besiedelten weißrussischen Gebiete rund um die 50 Kilometer entfernte Stadt Gomel und die 200 Kilometer entfernte Metropole Mogilew. Und so gilt Weißrussland als am stärksten betroffenes Land – rund 70 Prozent des radioaktiven Regens gingen hier nieder. Doch bis die Weißrussen aus den verstrahlten Gebieten umgesiedelt wurden, vergingen zum Teil mehrere Jahre. Bis zum Jahr 2000 lebten im kontaminierten Gebiet noch 1,6 Millionen Menschen, davon 419.000 Kinder unter 17 Jahre. „Die Kinder zu sehen, die in ihren Krankenbetten lagen, kahlköpfig und schwer krebskrank, brach mir fast das Herz – und ich wusste, ich muss etwas tun“, sagt Kluge. Und so gründete er den „Verein zur Förderung gesundheitsgeschädigter und hilfloser Kinder aus Mogilev (Weißrussland)“ und machte sich zur Aufgabe, vor allem Kindern, die durch die radioaktive Strahlung heute noch leiden, zu helfen.
Der erste Transport mit Medikamenten und Spielzeug für das Kinderkrankenhaus von Mogilev erfolgte im April 1996. In den nächsten zwei Jahrzehnten führte Kluge mit seinem Reinickendorfer Verein 37 Reisen und 61 Transporte in die Region durch. Sie brachten Kleidung, Krankenbetten, Rollstühle, Medikamente, medizinische Geräte, Hygieneartikel, Kinderwagen, Schreibtische und Verbandmaterial nach Weißrussland.
Die Einrichtungen und Projekte, die Kluge und sein Team unterstützten, reichen von der 13. Grundschule in Mogilev über das Sozialpädagogische Zentrum, Waisen- und Krankenhäuser bis zu Patenschaften für körperbehinderte Kinder oder sozial schwache Familien. Kluge führte auch die Aktion „Weihnachten im Geschenkpaket ein“, bei der Reinickendorfer Weihnachtspakete für Kinder packten und diese dem Wittenauer zur Verteilung vor Ort mitgaben: 8.500 Jungen und Mädchen wurden so beschenkt.
„Wir haben mit unserem kleinen Verein große Hilfsaktionen gestemmt – mit vielen freiwilligen Helfern und tausenden Stunden Arbeit. Wir fuhren auf vereisten Straßen, überwanden Hürden bei den Behörden und nahmen in verstrahlten Regionen gesundheitliche Risiken auf uns“, sagt er. „Aber all das haben wir gern getan – und auf diese Weise vielen Menschen vor Ort geholfen und Tausenden von Kindern besondere Momente geschenkt.“





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