Bezirk – Das würden manche „Rest-Berliner“ dem grünen Norden kaum zutrauen: Unser Reinickendorf zählt zu den bedeutendsten Industriestandorten Berlins! Beispiele für Firmen, Marken und Produkte gefällig?
Da wären schon mal die einst unkaputtbaren Strickmaschinen von Knittax an der Roedernallee. Oder die Ex-U-Boot-Batterien von Volta gegenüber der Nordmeile. Sowie aktuell die Sicilia-Zitronensaft- Plastiken aus der Wittestraße. Rauchende Dampfloks haben dem Ortsteil Borsigwalde sogar seinen Namen verliehen. Und natürlich im Blickfeld die nicht enden wollenden, rotsteinernen Gebäudereihen von DWM am Eichborndamm.
Im Rahmen der „Tage des offenen Denkmals“ vom 12. September bis zum 4. Oktober 2026 lädt das „Festival der Berliner Industriekultur“ dazu ein, die Stadt aus weitgehend ungewohnten Perspektiven zu entdecken.
Absolutes Highlight: eine szenische Rekonstruktion auf besagten DWM-Gelände. Als spektakulärstes Produkt der sechziger Jahre galt das legendäre Wasserauto „Amphicar“, doch die Wurzeln der DWM-Hallen als „Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken“ reichen zurück bis ans Ende des vorletzten Jahrhunderts: Erst zur Kapitulation 1945 wurde das martialische Kürzel trickreich umgedeutet in „Deutsche Waggon und Maschinenfabriken“. Diesen Teil der Veranstaltung bedient Björn Berghausen mit seinem auf dem Gelände liegenden „Berlin Brandenburgischen Wirtschafts-Archiv“. Er hat sich durch bezirkliche Industrieführungen einen Namen gemacht. Doch diesmal gibt es dort etwas Besonderes: Unter dem Titel „Wi(e)der die Waffen“ hat Berghausen zusammen mit der Künstlergruppe Kirschendieb & Perlensucher eine „szenische Tour“ erarbeitet. Und darin geht’s um die brisante Frage ob künftig „Waffen oder Windeln“ in den Ex-DWM-Hallen produziert werden sollten.
Das Theater-Performance-Kollektiv inszeniert des Öfteren szenische Stadt-Geschichten. Beispiel: „Die Borsig Verschwörung“ als Entdeckungstour durch die ehemaligen Tegeler Borsigwerke. Im Jahr 1931 steht das Berliner Familienunternehmen kurz vor dem Bankrott. In der Rolle potenzieller Investoren inspizieren die Tour-Teilnehmer das ehemalige Werksgelände in Tegel.
Drumherum das Umfeld der Hochindustrialisierung vor der Nazizeit und der Widerstand von Borsigianern plus Mythen und Absurditäten der kapitalistischen Wirtschaft. Die Begehung findet mit Unterstützung der Borsighallen statt. Zuschauer werden interaktiv eingebunden und erfahren in einem Mix aus Geschichte und Fiktion Wissenswertes sowie Geheimnisvolles.
Und sogar der gute 130 Jahre alte Labsaal in Lübars spielt im Industrie-Kontext eine Rolle zwischen Café, Flugmotoren und Senatsreserven. Das einstige Ausflugslokal war zwischenzeitlich Lager der Senatsreserve, aber es diente auch als Standort der Argus Motoren GmbH. Die Lübarser stellten ab 1906 Motoren her. Im Zweiten Weltkrieg unter der Herrschaft der Nationalsozialisten diente der Gasthofsaal als Geheimlager von Flugzeugmotoren für Hermann Görings Luftwaffe. Soweit nur einige Kostproben des Stadtprogramms …




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