„Seit Jahren sind Sie der Erste, der sich für das Kunstwerk interessiert“, meint ein Hausbewohner, als er bemerkt, wie das Objekt abgelichtet wird. Die Installation „Windobjekt“ von Nikolaus Haviland Ritter wurde vor 50 Jahren im Vorgarten der Nimrodstraße 4-14 aufgestellt. Anfangs drehte sich das rote Rund noch; inzwischen steht es allerdings schon viele Jahre lang still.
Der Künstler kam 1933 in Amerika als Sohn eines deutschen Auswanderers zur Welt. Der Vater, Nikolaus Adolf Fritz Ritter, hatte sich aufgrund der Inflation entschlossen, im Januar 1924 sein Glück in den Vereinigten Staaten zu versuchen. Dort heiratete er die Englischlehrerin Aurora Evans aus den Südstaaten. Mit den verschiedensten Jobs, unter anderem als Anstreicher und als sprichwörtlicher Tellerwäscher, schlug er sich durch.
Die Familie verließ Mitte der 1930er Jahre Amerika, um dem kränkelnden Großvater die Enkel zu präsentieren: den dreijährigen Nikolaus und seine Schwester Katharine. Der Vater entschied eigenmächtig, dass die ganze Familie in Deutschland bleiben sollte. Doch schon bald kam es zur Scheidung, kurz darauf heiratete er seine Sekretärin. Auroras Versuche, mit ihren beiden Kindern nach Amerika zurückzukehren, scheiterten.
Unterdessen machte sich der Vater seine Sprachkenntnisse und Kontakte nach New York zunutze, um im Dienst der Abwehr für das Dritte Reich gegen England und die USA zu spionieren. Nach Kriegsende gelang Aurora mit den Kindern endlich die Rückkehr in ihre alte Heimat.
Nach einem Studium am Georgia Institute of Technology arbeitete Nikolaus Haviland als Ingenieur in der Nukleartechnik. Nebenbei nahm er ein Kunststudium auf. Gemeinsam mit seiner Freundin Gabriele, die er 1960 kennengelernt hatte, beschloss er, nach Berlin zu ziehen. Eine Weile lebten sie in Kreuzberg, fanden dann jedoch in der Nollendorfstraße ein Zuhause.
Nach Abschluss seines Architekturstudiums in Berlin eröffnete er das „Büro für Bewusstsein und Wahrnehmung“. Er entwarf mit Begeisterung Spielplätze und brachte durch eine Spiegelkonstruktion Licht in einen dunklen Schulhof. Für das „Haus Waidmannslust“ in der Nimrodstraße, ein Kinderheim und Sonderhort, schuf er 1976 jene Kunst-am-Bau-Installation „Windobjekt“ – die fünf Meter hohe, farbenfrohe Stahlsäule sollte bewusst ein kindliches Publikum ansprechen.
Seit 1990 hat dort das Jugendamt Reinickendorf Nord seinen Sitz. Laut der Webseite von „Bildhauerei in Berlin“ wurde das Objekt bei Windstille anfangs noch mit einem Motor betrieben. 1978 erschien unter dem Titel „Stattbuch“ ein von Ritter mitverfasster Reiseführer für jene, die das alternative Berlin entdecken wollten. Er gewann eine Ausschreibung für die Gestaltung des Platzes vor dem ICC. 1985 war er selbst als Preisrichter in einer Jury beim Bildhauersymposium am Schlesischen Tor für Projekte zur 750-Jahr-Feier Berlins. 2009 starb Ritter im Alter von 76 Jahren.





![PTT_NSG_Banner_TopMag_300x250px[1]](https://raz-zeitung.de/wp-content/uploads/2024/10/PTT_NSG_Banner_TopMag_300x250px1.jpg)