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Eine Frau vor einem Gemälde
Lems „SOLARIS“ lässt bei Antje Taubert grüßen Foto: du

Pappe, Plastik und Pigmente

Für die Ausstellung „Chroma“ dient das Bezirksamt als Galerie

Bezirk – Ob der klapprige Lift am Haupthallen-Eingang des Bezirksamts mit Kunstförderungs-Kuratorin Dr. Christy Wahl gemeinsame Sache macht? Zum „Artist Talk“ Ende Juni präsentierte er sich jedenfalls außer Betrieb. Effekt: Wer – egal aus welchem Anlass – sich die Amtstreppen emporwinden musste, wurde mit der Ausstellung konfrontiert.

Wandnah demonstrieren acht Künstlerinnen, dass Farbe keine feste Gegebenheit darstellt. Stattdessen erscheint diese mal als Schwingung oder Atmosphäre – immer durch Kultur und gelebte Erfahrung geprägt. „Als kommunale Rathaus-Galerie“, so Kuratorin Wahl „nutzen wir die Gelegenheit, mit einem Zufalls-Publikum in Kontakt zu treten. Vom leuchtenden Grün über subtiles Blau bis hin zu zartem Rosa prägen unsere Exponate die Atmosphäre dermaßen, dass man sich in sie hineingezogen fühlen kann.“ Doch was gibt‘s konkret und abstrakt zu sehen? Kunstproben gefällig?

Die Begegnungen starten auf den ersten Treppenstufen mit den Arbeiten von Clara Brörmann. Für sie „hat Farbe einen Körper.“ Ihre Papp-Schnitte wirken aus der Ferne wie einheitliche Flächen – aus der Nähe lösen sie sich in Schatten und zerbrechliche Ansammlungen auf. 

Hingegen betrachtet Johanna Jaeger ein paar Stufen höher ihre Farben als „wandelbaren Zustand“, der von Licht, Zeit und Wahrnehmung geprägt wird. Dafür stehen ihre von oben fotografierten Tintentrocknungs-Prozesse. Antje Tauberts benachbartes Großgemälde indes wurde von Stanisław Lems Science-Fiction-Klassiker „Solaris“ inspiriert. In seinem Roman von 1961 (!) wechselt eine künstliche Intelligenz ständig Farben und Strukturen.

Antje Blumensteins Acrylglas-Plastiken schaffen im Gegensatz dazu räumliche Erlebnisse, die sich in dem Maße verändern, wie sich Betrachter um die Werke herumwinden. Eine Nische weiter lassen knallbunte Riesengipsfrüchte von Renata Müller-Tiburtius „Farbe auf Erinnerung treffen“. Inspiriert vom Zitronenbaum ihres kroatischen Großvaters murmeln ihre südfrüchtlichen Plastiken subtile Gedichte. 

Auf der Bürgermeisterin-Etage arbeitet die Deutsch-Türkin Miray Seramet mit transparenten Nylons aus den 1960er Jahren. Durch Falten, Schichten und Nähen spendiert sie betagten Ballett-Strumpfhosen ein zweites Leben. Weiter links vermischen drei Großformate von Solveig Schmid zarte Lasuren mit Öl. Sie hat ihre Pigmente während des Mal-Vorgangs ständig aufgelöst und neu kombiniert. Ob der Klapper-Lift bei einer Führung am 18. August mit der Kuratorin wieder gemeinsame Sache macht, muss sich dann zeigen …

Harald Dudel