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Menschen vor einem Gebäude
Viele Anwohner mussten erst einmal draußen bleiben. Foto: fle

Streit um die neuen Bewohner

Riesenandrang beim Infoabend zur Zukunft des Waldhotels

Frohnau – Der Tumult vor dem Zaun des Kulturhauses Centre Bagatelle war am 28. August groß. Zu viele Menschen wollten bei der Infoveranstaltung zur Zukunft des ehemaligen Waldhotels dabei sein. Das Hotel steht seit Jahren leer und soll in eine Unterkunft für 54 wohnungslose Menschen umgewandelt werden. Der Betreiber, die Home & Care Gruppe, war vor Ort sowie die Bezirksstadträte Korinna Stephan (B´90/Grüne) und Uwe Brockhausen (SPD). 

Das Thema war schon vorher hochgekocht – der CDU-Politiker Richard Gamp hatte  das Thema zu seinem Wahlkampfthema gemacht: Eine Unterkunft dieser Größenordnung passe nicht in die Wohnstruktur Frohnaus und wäre dort fehl am Platz. Er machte gegen die Einrichtung durch einen Bürgerbrief, eine Umfrage und eine Unterschriftensammlung mobil. 

Und so war das Interesse an Information sehr groß, die 120 Plätze im Saal des Kulturhauses schnell voll, und rund 150 Menschen mussten draußen bleiben – ebenso einige Pressevertreter. Polizei war vor Ort, und die Security ließ niemanden mehr herein. Der Unmut wurde größer, als die „Garten, Garten“-Rufe kein Gehör fanden – eine Möglichkeit, dass alle dabei sein könnten, wenn die Veranstaltung in den Garten des Kulturhauses verlegt werden würde. 

„Es trägt nicht zum Vertrauen bei, eine Bürgerveranstaltung zu machen und die Bürger dann nicht reinzulassen“, sagte die Frohnauerin Christine Henning. Doch es gab eine andere Lösung: Die Veranstaltung wurde auf eine Stunde beschränkt, und danach ein zweites Mal durchgeführt. Thomas Mertens, Geschäftsführer der Home & Care Wohnungslosenhilfe gGbH, musste also zweimal vor die Anwohner treten. Das Unternehmen betreibt berlinweit sechs Wohnungslosen-Unterkünfte, eines davon seit 2022 im ehemaligen Hotel Rheinsberg am See im Märkischen Viertel. 

Im Waldhotel sollen „im Erdgeschoss wohnungslose Menschen mit einem ambulanten Pflegebedarf untergebracht werden“, erklärte Mertens. Im oberen Bereich würden wohnungslose Familien untergebracht. Geflüchtete würden nicht untergebracht, das sei rechtlich nicht möglich. „Wer hier einzieht, entscheidet einzig und allein das Bezirksamt“, sagte Mertens. Das Amt muss die pflegebedürftigen Menschen beziehungsweise Familien zuweisen. Sobald die Baugenehmigung erteilt ist, wird mit dem Umbau begonnen und die ersten Bewohner könnten im nächsten Sommer einziehen.

Die Bürger vor Ort waren geteilter Meinung: Einige befürworten die Einrichtung, wollen ehrenamtlich helfen und mit Sachspenden unterstützen, andere fürchten, dass die Sicherheit im Kiez sinke und Grundschulplätze nicht ausreichen würden. Es gab generell Kritik am Konzept.

Ein Mann steht an einem Mikrofon und spricht
Thomas Mertens, Geschäftsführer der Home & Care Wohnungslosenhilfe gGmbH, der Inhaberin des ehemaligen Waldhotels. Foto: fle

Da auch die RAZ-Reporterin beim ersten „Schwung“ nicht eingelassen wurde, hatte sie Zeit, mit den Frohnauern zu sprechen: „Wenn das Hotel doch leer steht, warum kann es dann nicht für bedürftige Menschen genutzt werden?“ fragte die Frohnauerin Brigitte Gross in die Runde. Die Frohnauerin Corinna Tölle: „Ich wundere mich, dass Wohnungslose als Gefährdung wahrgenommen werden. Ich verstehe, dass Veränderungen Sorgen hervorbringen, aber kann nicht verstehen, dass Menschen sich von Ängsten leiten lassen und unmenschlich werden.“ 

Ilka Mindach sagt: „Die Frohnauer müssen sich daran gewöhnen, dass es auch Menschen gibt, denen es nicht so gut geht. Es ist doch schön, dass Wohnungslose die  Chance erhalten, sich wieder aufzurichten, wenn sie im Leben gestolpert sind.“ Christine Henning hingegen steht der Einrichtung kritisch gegenüber: „Das ehemalige Hotel ist ein schlechter Ort für beeinträchtigte Menschen. Außer einem Zeitungsladen, einem Friseur und einem Schneider gibt es keine Einkaufsmöglichkeiten“, sagt sie. 

Dass „die Sorgen der Anwohner für den Wahlkampf genutzt werden“, kritisiert der SPD-Politiker Kai Kottenstede. Das sieht auch Bogusz Schmidt von den Bündnisgrünen so: Es sei „ein regelrechtes Aufhetzen von politischen Akteuren“ und es entwickle „sich ein Lauffeuer, das sich nicht mehr aufhalten lässt“. Dabei sei es nicht die erste Unterkunft für Obdachlose in Berlin. Und die Angst vor 54 Pflegebedürftigen sei vollkommen unbegründet.

Christiane Flechtner

Christiane Flechtner ist seit mehr als 30 Jahren als Journalistin und Fotografin in Reinickendorf und auf der ganzen Welt unterwegs. Nach 20 Jahren bei der Lokalzeitung Nord-Berliner ist sie seit der ersten Ausgabe mit im Team der Reinickendorfer Allgemeinen Zeitung und anderer Verlagsmedien. Sie arbeitet außerdem als freie Journalistin und Fotografin bei „Welt“, Berliner Zeitung und anderen Zeitungen in Deutschland, Österreich und Luxemburg sowie für u. a. Reise-, Wander- und Tiermagazine.