Bezirk – Alexander Kulpok ist in Berlin bekannt. Seinen ersten Zeitungsartikel schrieb er 1953 für den Telegraf. Dann kam die erste Radiosendung beim Jugendfunk/Sender Freies Berlin, später folgten Tätigkeiten als Reporter, Moderator und Kommentator bei der Abendschau und der ARD. Er war Redenschreiber für Willy Brandt und Leiter der Berliner Abendschau. Nun ist Kulpok 87 Jahre alt, doch möchte er sich noch lange nicht zur Ruhe setzen. Die RAZ sprach mit ihm über Vergangenheit und Zukunft.
Wie war Ihre Kindheit?
Es war – trotz Krieg und Bombennächten – eine glückliche Kindheit. Als uneheliches Kind eines persischen Vaters bin ich im Arbeiterbezirk Neukölln bei Pflegeeltern aufgewachsen, die mich mit viel Liebe großzogen. Das führte in meinen Jugendjahren gelegentlich zu Übermut, was mir aber nicht unbedingt schadete, denn ich hatte in der Schule großartige Lehrer und danach im Beruf verständnisvolle Chefs.
Wie sind Sie Journalist geworden?
Mein Berufswunsch war Diplomat – Empfänge mit Champagner und Weltpolitik. Mit diesem Ziel studierte ich an der FU Berlin Amerikanistik, Romanistik und Politologie und verdiente mir mein Studium durch freie Mitarbeit bei Zeitungen und bei den Sendeanstalten RIAS und SFB. Ich folgte der Verlockung des Geldes und wurde festangestellter SFB-Redakteur und -Reporter, was ich nie bereut habe.
Was verbinden Sie mit Reinickendorf?
Während der Schulzeit in Neukölln machten wir an den „Wandertagen“ Ausflüge ins schöne Reinickendorf. Später kam die Freundschaft zum Schulkameraden und Schriftsteller Horst Bosetzky (-ky) hinzu, der sich in Reinickendorf niederließ. Außerdem verehre ich bis heute den Reinickendorfer Reinhard Mey, den ich in seinen Anfängen im SFB-Fernsehen und in der ARD vorstellte.
Der Mauerbau war für Sie ein Glücksfall?
Ja – ohne den Kalten Krieg und den Mauerbau wäre meine Karriere als Journalist wahrscheinlich recht glanzlos verlaufen. Nach dem 13. August 1961 kamen als erste maßgebliche Repräsentanten der westlichen Welt US-Vizepräsident Johnson und US-Außenminister Dean Rusk nach West-Berlin. Weil ich das neue Fach Amerikanistik studierte und im SFB die Zahl derer, die einigermaßen Englisch sprachen, aufgrund der NS-Restbestände ziemlich gering war, wurde ich – obwohl ein völliger Neuling – bei solchen Ereignissen eingesetzt. Als die US-Wagenkolonne am Potsdamer Platz eintraf und Außenminister Rusk ausstieg, überraschte ich ihn mit dem Satz „Would you care for a Statement?“ und Rusk gab eine vielbeachtete Erklärung ab. Das war der Anfang meiner Karriere als Radioreporter, die beim Besuch von J. F. Kennedy 1963 einen weiteren Höhepunkt hatte, als ich – wenige Meter vom Präsidenten entfernt – über Kennedys Visite in der Berliner US-Garnison berichtete und die Rede, die er dort hielt, übersetzte.
Was waren Highlights Ihrer Arbeit?
Die Besuche von US-Präsidenten – von Kennedy bis Carter – oder der Queen. Ebenso 1960 der für mich unvergessliche Besuch von Marlene Dietrich, die ich dann 1963 in Paris wiedertraf, als ich Willy Brandt zu Präsident de Gaulle begleitete.
Beim Interview zu Ihrem 75. Geburtstag haben Sie gesagt, dass Sie 100 werden wollen. Ist das nun im Alter von 87 immer noch so?
Ich hatte bewegtes und glückliches Leben. Vielleicht hätte mir das Glück öfter bewusst sein sollen. In Ruhe und Gelassenheit werde ich meinen Weg bis zum Ende weiter gehen und dabei bis zur 100 – oder kürzer oder länger – versuchen, nach der Friedrich-Luft-Devise „Voll Neugier in die Welt hinaus!“ aktiv zu bleiben. Mit zunehmendem Alter ist Erinnerungskultur mein Arbeitsinhalt geworden. Das reicht von den Pyramiden von Gizeh bis zum Holocaust-Mahnmal in Berlin. Denn um herauszufinden, welchen Weg wir nehmen wollen, müssen wir wissen, woher wir kommen.
Was sind Ihre nächsten öffentlichen Veranstaltungen?
Geplant sind im August die Themen Kalter Krieg und Mauerbau (am 7. August in der Britzer Weinkultur und am 24. August im Reinickendorfer TEK DREAM in der Flohrstraße). Sowie am 5. Oktober eine Berliner Wahlnachlese in der Humboldt-Bibliothek.
Danke für das Gespräch.
Interview: Chr. Flechtner





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