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Ansicht eines Hauses
Eines der beiden Sternhäuser, das bald abgerissen wird. Foto: fle

Nervenklinik-Wohnprojekt in der Kritik

Abriss der Sternhäuser stößt auf Widerstand bei den Nachbarn und bei einem geschützten Käfer

Wittenau – Die Fenster und Türen sind weit geöffnet, aber niemand ist mehr willkommen. Die Sternhäuser, in denen zuvor noch Geflüchtete aus der Ukraine einen ersten sicheren Ort fanden, sind verwaist. Und es wird dort auch niemand mehr einziehen, obwohl der Gebäudekomplex noch nicht einmal 25 Jahre alt ist. 

Die Gesobau plant auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (KBoN) ein neues Wohnquartier mit 600 Wohnungen – es ist das größte Neubauprojekt im Bezirk. Baubeginn 2027. Die ersten vorbereitenden Maßnahmen sind bereits im Gange.   

Doch es gibt Kritik an diesem Wohnungsbauprojekt, denn die neuen Wohnungen sollen auch dort entstehen, wo sich derzeit die Sternhäuser befinden. Sie werden abgerissen. Dabei empfiehlt nicht nur das Umweltbundesamt Sanierung statt Neubau. Die Renovierung von Bestandsgebäuden ist aus Klimaschutzsicht in der Regel deutlich vorteilhafter als ein Abriss und anschließenderNeubau. Die Entscheidung, dass die Sternhäuser nicht saniert, sondern abgerissen werden, ist bereits gefallen. Davon zeugen hunderte Heizkörper, die am Eingang aufgetürmt zwischen den Betonblumen-Skulpturen liegen. 

Kritik kommt zum einen von Reinickendorfer Bürgern, die einen Teil des historischen Gebäudeensembles für immer verschwinden sehen. Auch die bauliche Dichte des geplanten Neubaugebietes wird kritisiert: Die in den ersten Plänen festgehaltene Geschossflächenzahl von 0,6 soll nun 0,8 betragen. Das heißt: Statt zwei Stockwerken sollen vier plus Dachgeschoss gebaut werden. Gesobau-Pressesprecherin Birte Jessen erklärt: „Wir stellen klar: Es wird nicht massiv größer gebaut.“ Es gelte jedoch, sparsam mit Grund und Boden umzugehen. Vor diesem Hintergrund sollte eine Bebauung mit einer Geschossflächenzahl von 0,8 – also eine höhere Geschossigkeit – bei gleichzeitiger Einhaltung der maximal zulässigen Versiegelung ermittelt werden. „Die Aufgabe war also, genau zu prüfen, wie möglichst viele Wohnungen bei möglichst geringer Versiegelung und Eingriff in den Baumbestand umsetzbar sind.“ 

Bäume müssen dennoch weichen. „Für die Wohnbebauung müssen zirka 110 Bäume gefällt werden“, sagt Jessen. Für Umwelt- und Artenschützer fatal, denn auf dem Gelände leben nicht nur Fledermäuse und Vögel, sondern auch eine gefährdete Käferart: Der Eremit macht seinem Namen alle Ehre und lebt verborgen in Baumhöhlen alter Laubbäume. 

Der BUND Berlin ist in die Pläne involviert, um den Artenschutz auf der Fläche zu berücksichtigen: „Zum Erhalt der Population des Eremiten verzichtet die Gesobau auf einen Teil der Bebauung und richtet das nördliche Baufeld am Olbendorfer Weg als Ausgleichsfläche für diese Art her“, erklärt der Biologe Dirk Schäuble vom Referat Naturschutz beim BUND Berlin e.V. „In diesem Bereich stehen sogenannte Zukunftsbäume, welche für die Umsiedlung genutzt werden.“

Der Verein werde sich im Falle einer Bebauung auch die geplanten Baumfällungen genau anschauen: „Diese ändern sich derzeitig allerdings ständig, da es noch keine finale Planungsgrundlage gibt und sich auch die Zahl und Standorte der Bäume ändert. Sollte eine Bebauung stattfinden, wird sich der BUND dafür einsetzen, dass kein Baum gefällt wird, der nicht direkt von der Bebauung betroffen ist.“ 

Dirk Schäuble bedauert zudem, „dass im Rahmen der jetzt geplanten Bebauung die sogenannten Sternhäuser abgerissen werden sollen. Auch aus Gründen des Ressourcenschutzes wäre eine andere Nutzung der vorhandenen Strukturen sicherlich sinnvoller gewesen, als die Häuser abzureißen und an gleicher Stelle neue Gebäude zu bauen.“

Christiane Flechtner

Christiane Flechtner ist seit mehr als 30 Jahren als Journalistin und Fotografin in Reinickendorf und auf der ganzen Welt unterwegs. Nach 20 Jahren bei der Lokalzeitung Nord-Berliner ist sie seit der ersten Ausgabe mit im Team der Reinickendorfer Allgemeinen Zeitung und anderer Verlagsmedien. Sie arbeitet außerdem als freie Journalistin und Fotografin bei „Welt“, Berliner Zeitung und anderen Zeitungen in Deutschland, Österreich und Luxemburg sowie für u. a. Reise-, Wander- und Tiermagazine.