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Ein Mann in einer Apotheke
Mehmet Hayrule in seiner Apotheke an der Residenzstraße Foto: bs

Bürokratie, hohe Kosten: Apotheker sind sauer

Am 23. März blieben viele Geschäfte geschlossen – jetzt sind auch viele Patienten empört

Reinickendorf – Die Apotheker sind sauer. Grund sind die ihrer Meinung nach zu niedrigen Honorare, die sie für jedes verschreibungspflichtige Medikament von den Krankenkassen erhalten. Und über die unsägliche Bürokratie.

Am 23. März gab es deshalb eine Protestaktion der Apotheken gegen die ihrer Meinung nach mangelnde Honorierung ihrer Dienstleistungen. Dazu rief die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände auf, die schon im Sommer 2023 eine solche Aktion organisiert hatte. Im Kern ging es um das fixe Honorar für verschreibungspflichtige Medikamente und den Bürokratieabbau. Die RAZ hat im Vorfeld die Easy-Apotheke in der Residenzstraße besucht und mit Inhaber Mehmet Hayrula gesprochen. Er ist 38 Jahre alt und hat seine Apotheke in der Residenzstraße vor zehn Jahren gegründet. 

Im Bezirk gibt es an die 45 Apotheken. Vier davon sind im unmittelbaren Umfeld der Apotheke von Hayrula. Zwei kleinere Apotheken hätten in den vergangenen Jahren bereits geschlossen. Hayrula wartet mit Zahlen auf: Während es 2012 in Deutschland noch knapp 22.000 Apotheken gegeben habe, seien es jetzt noch 17.000. Das führt er auch darauf zurück, dass das wichtige Honorar für die preisgebundenen, rezeptpflichtigen Medikamente nicht ausreichend erhöht worden war. So bekomme er für jedes vom Arzt verschriebene Medikament einen festgelegten Zuschlag von 8,35 Euro. Seinen Verband fordert eine Erhöhung auf 9,50 Euro.

Hayrula ist ein wohlüberlegter Mann, der auch durchaus die Kehrseite von solchen Forderungen sieht. Die Mehrkosten für die Krankenkassen würden eine Milliarde Euro pro Jahr betragen. Aber: Eine Erhöhung der Honorare sei für das Überleben gerade der kleineren Apotheken existenziell notwendig. 

Sein Unternehmen mit 20 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gehöre zu den größeren Apotheken. Er stellt sofort klar, dass Easy nur eine Einkaufskooperation und er für sein Unternehmen allein verantwortlich sei. Eine Erhöhung des Honorars würde auch seinen stärksten Konkurrenten, den Internet-Apotheken, helfen. Sie stünden den Kunden nicht mit direkter Beratung zur Verfügung, bekämen aber das gleiche Geld und könnten so den Marktdruck erhöhen. Er spricht von Gutscheinen, die auf einer nicht ganz geklärten Rechtsgrundlage von einer Internet-Apotheke ausgegeben und den stationären Apotheken Schwierigkeiten bereiteten.  

2023 habe er schon mal an einer Protestaktion der Bundesvereinigung teilgenommen und seine Kundschaft stand für einen Tag vor verschlossenen Türen. Ob er ihnen das in diesem Jahr wieder zumuten will, war er sich bei  Redaktionsschluss noch nicht sicher.  „Die Protestgründe sind absolut berechtigt. Trotzdem ist es für mich keine einfache Entscheidung, meine Apotheke zu schließen. Ich trage Verantwortung für rund 500 Patientinnen und Patienten sowie für 20 Mitarbeitende.“ 

Für den Bürokratieabbau spricht er sich vehement aus. So müsse er bei der Herstellung von Rezepturen sechs Formulare ausfüllen. Auch die Rückfragen bei Ausgabe von Hilfsmitteln bei den Krankenkassen seien arbeitsaufwändig und damit kostenintensiv. Die Versorgung mit Apotheken im städtischen Bereich sei gut. Anders sähe es auf dem Land aus, dort gäbe es mittlerweile Probleme bei der Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten. Er fordert: „Da muss die Politik etwas machen.“

Bertram Schwarz

Meine erste journalistische Station war die Schülerzeitung meiner Schule, später war ich für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten als freier Mitarbeiter tätig, nach dem Studium als politischer Redakteur beim NDR und später als Geschäftsführer verschiedener Medienfirmen. Seit 2019 arbeite ich als freier Autor für die RAZ.