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Ein kleiner Raum, geschmückt mit lila Vorhängen und Zeitungs-Auschnitten
Lila Pause: das Achteck-Innere lädt zum Verweilen ein. Foto: du

Lila Nächte auf der Klohauswiese

Performance-Lesung mit Musikbegleitung im Bezirksmuseum

Hermsdorf – Was soll man als Museum machen, wenn man als Außenstelle auf der Wiese davor eine waschechte Klo-Rotunde besitzt? Natürlich eine Ausstellung planen, die irgendwie zum öffentlichen Örtchen passen könnte. So muss wohl das Vorhaben zur Installation “Lila Nächte” im Café Achteck entstanden sein.

Besagte Installation beleuchtet die Auswirkungen der Nazizeit auf lesbisches Leben in Berlin. Der Fokus liegt auf Lotte Hahm. Gemeinsam mit ihrer Partnerin Käthe Fleischmann betrieb sie in den 1920er Jahren stadtbekannte Treffpunkte wie den Damenklub „Violetta.“ Während der NS-Tyrannei sah sich Fleischmann antisemitischer Verfolgung ausgesetzt, während Hahm verdeckt weiterhin für lesbisches Leben eintrat.

Begleitend zur Dokumentation fand knapp vor dem Frauentag im strahlenden Hannah-Höch-Raum vor rund 50 überwiegend Frauen ein lila bunter Abend oder offiziell – so Fachbereichsleiterin Dr. Sabine Ziegenrücker eine „Performance-Lesung” mit musikalischer Begleitung statt. 

Und letztere hatte es in sich: Mit Banjo und „Singender Säge” spielten die Musikantinnen auf, während abwechselnd von der Lesebühne Textfragmente herüber schallten. Olga Hohmann, Beatrice Jugert, Anna Pacholke und Susanne Schirdewahn spielten sich in dieser lebendig-engagierten Schau die musikalischen und textlichen Bälle zu. Bei Claire Waldoffs Start-Ständchen „Wer schmeißt denn da mit Lehm“ drehten die Performerinnen richtig auf. Der Song von 1913 ist aktueller denn je – schließlich wollte die Sängerin und Kabarettistin damit ein Jahr vor dem ersten Weltkrieg zu mehr Friedfertigkeit aufrufen…

Zwischen den Songs ertönten immer wieder Lese-Fragmente aus Clubprogrammen, Nazi-Pamphleten, Polizei- und Gerichtsakten. Sie entstammten der Zeitung „Lila Nächte“, die Kuratorin Cornelia Renz eigens für diese Ausstellung zusammen gestellt hatte.

Zum Abschluss der Megahit: Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, den 1930 Friedrich Hollaender der Schauspielerin Marlene Dietrich für ihre Rolle im Film „Der Blaue Engel“ auf den Leib geschrieben hat. Als Lola verkörpert die Dietrich den Typus der selbstbestimmten, Norm überschreitenden und nach heutiger Lesart queeren Frau.

Für alle, die diesen bunten Abend Anfang März versäumt haben, hier noch ein kleiner Leckerbissen: Am 26.03 um 18.30 Uhr liest Andrea Rottman aus ihrem neuen Buch „Bedrohtes Begehren – Queeres Leben im geteilten Berlin“. Die Autorin zeichnet darin ein facettenreiches Bild der Frontstadt des Kalten Krieges, die trotz vorhergehender Nazi-Zerstörung queerer Kulturen bald wieder zum Zentrum für diejenigen wurde, die nicht in normative Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität und Familie passten.

Die Installation ist bei freiem Eintritt bis 31. März zu besichtigen: Montag bis Freitag sowie Sonntag, 9–17 Uhr. Museum Reinickendorf, Alt-Hermsdorf 35

Harald Dudel