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Skizze einer Maschine
Zeichnung in einer von Lindners Patentschriften

Made in Wittenau

Historisches – Die Erfolgsstory des Fabrikanten Herbert Lindner

Wittenau – Grobes Fräsen von Metall durch feines Schleifen ersetzen – das konnten die Gewindeschleifmaschinen von Herbert Lindner. Der Wittenauer Fabrikant erfand sie vor gut 100 Jahren und ließ sie patentieren. 1926 verkaufte Lindners Unternehmen die ersten ausgereiften Gewindeschleifmaschinen. 

Herbert Lindner kam am 11. Juni 1892 in Hermsdorf zur Welt und wuchs in Westpreußen auf dem Gut des Vaters auf. In einer nahegelegenen Stadt machte er eine Lehre bei einem Schlossermeister. Doch den aufgeweckten Handwerker zog es bald nach Berlin, wo er größere Chancen für sich sah und mit wenig Kapital zunächst eine Schlosserei aufmachte. Dort widmete er sich mit großem Geschick der steten Weiterentwicklung seiner Werkzeuge. Sehr vereinfacht ausgedrückt, bestand die bedeutendste Innovation Lindners darin, das gröbere Fräsen von Metall mithilfe ausgeklügelter Technik durch feineres Schleifen zu ersetzen, was deutlich präzisere Ergebnisse ermöglichte. Er soll außerdem über 60 technische Fachbegriffe rund um dieses Thema geprägt haben.

Auch das Wohl seiner Mitarbeiter hatte „der große schwere Mann mit dem gütigen Gesicht“ stets im Blick – der Architekt für das neue Werk in Wittenau bekam den Auftrag: „Bauen Sie mir eine Maschinenfabrik zwischen Bäumen und Blumen!“ Die hohen Fenster der 1932 fertiggestellten Halle in der Lübarser Straße 9-17 boten der Belegschaft einen Blick ins Grüne. 

Der Autor Curt Riess stellte 1955 in seinem Buch „Sie haben es noch einmal geschafft – Über Schicksale im Nachkriegsdeutschland“ auch die Firma Lindner vor. Bei Riess heißt es über die Jahre der NS-Diktatur: „Die Fabrik im Park wurde eine Art Hochburg der Opposition. Niemand hob dort die Hand zum deutschen Gruß.“ Rüstungsaufträge blieben Lindner dadurch zwar verwehrt, aber er hatte ohnehin mehr Arbeit als genug. 

Im März 1944 verstarb er an einem Herzinfarkt im Alter von 52 Jahren. Den Betrieb erbte seine Gattin. Auf ihr handwerkliches Geschick war er schon lange stolz gewesen: „Meine Frau ist meine Nachfolgerin im besten Sinne des Wortes.“ Trotz der eigentlich ausweglosen Lage der Firma aufgrund der kompletten Demontage durch die sowjetischen Streitkräfte krempelte Erna Lindner die Ärmel hoch und fing buchstäblich bei Null an. 

In ihrer Villa in Frohnau verbannten die Alliierten sie für längere Zeit in zwei Kellerräume, doch verbrachte sie ihre Zeit ohnehin fast ausschließlich im Wittenauer Werk. Mit dem Verkauf privater Wertgegenstände gelang ihr nach und nach der Erwerb alter Maschinen aus zerstörten Betrieben. Weil die Aufzeichnungen von Herbert Lindner verloren gegangen waren, wurden die Pläne aus dem Kopf nachgezeichnet. Die Werkzeugmaschinen genossen bald wieder überregional einen ausgezeichneten Ruf. Dass es sich im wahrsten Sinne des Wortes um einen Vorzeigebetrieb handelte bewies der Besuch von Theodor Heuss. Der frisch gewählte Bundespräsident besichtigte bei seinem viel beachteten Besuch in West-Berlin auch die Lindner-Werke. Bis 1984 hatte die Firma ihren Sitz in Wittenau und wurde dann Teil der Buderus AG. So verlagerte sich der Standort nach Wetzlar.

Erna Lindner starb 1970. Als ihr Erfolgsrezept bezeichnete sie neben „ein bisschen Glück“ vor allem: „Zähigkeit, Energie und Zusammenhalten aller“.

Boris Dammer