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Darian Strehse (l.) bei seinem siegreichen Kampf gegen den Tschechen Pavel Herman am 26. Februar im Titanic Hotel in Berlin-Mitte. Foto: Jessica Reissner

Ein 17-Jähriger zwischen Schulbank und Sparring

Profiboxer Darian Strehse aus Frohnau kämpft um Bestnoten auf dem Gymnasium und Bestform im Ring

Frohnau – Kühle Morgenluft, feine Nebelschwaden, stilles Kopfsteinpflaster – Frohnau liegt noch im Halbschlaf. Einer ist längst hellwach, absolviert seine erste Trainingseinheit: Darian Strehse. Der 17-Jährige hat Unterricht. Vor der Schule schon. Auf dem Stundenplan steht: Athletik, also Kraft, Kondition, Schnelligkeit, Beweglichkeit. Es ist die Basis seines Berufs, denn der angehende Abiturient ist Profiboxer. 

Er kämpft um Bestnoten und Bestform – auf dem Gymnasium, im Boxstudio. Ist der Tagesauftakt geschafft, holt er sich im Picadilly Café einen Espresso, „einen doppelten für den kleinen Kick“, wie er sagt – bevor er in die S1 steigt. Eine Station bis Hermsdorf – dann sind es nur ein paar Schritte zur Georg-Herwegh-Oberschule. Die nächste Einheit heißt: Schulbank drücken. Auch hier ein hohes Pensum. Ertönt der Schlussgong im Klassenzimmer, geht es für Strehse zumeist schnurstracks heimwärts. Eine kleine Stärkung für den Magen – dann ran an den Schreibtisch, Vokabeln lernen, Kapitel im Geschichtsbuch lesen, Übungsaufgaben lösen, für Klausuren pauken. All das, was Pennäler in seinem Alter so machen müssen – und oft nicht so schätzen.

Wenn es der streng getaktete Tagesablauf zulässt, sitzt der Jungprofi im Frühling nachmittags mit Freunden am Ludolfinger Platz, Decke auf dem Rasen, Sonne im Gesicht. Ein Abstecher zum Döner-Stand oder zu Edeka gehören dazu. Man kennt ihn hier – den Jungen, der Profi wurde, bevor er volljährig war. Und wenn es später wird, begleitet er seinen Vater manchmal noch in „Die Bar“. Klar, für Darian gibt’s nur Softdrinks, Alkohol in der Vorbereitung ist tabu. Die Gespräche drehen sich meist um die Weltspitze des Boxens. Der Spross hört zu, redet mit, lernt auch hier. Sein Tempo verrät den 17 Jährigen – seine unaufgeregte Haltung nie. 

Seit einem halben Jahr ist er Profi, drei Kämpfe, drei Knockouts. Ein Teenager im Turbogang. Eine Bilanz, die es seinem Team immer schwerer macht, passende Gegner zu finden. „Viele wollen nicht gegen jemanden verlieren, der noch zur Schule geht“, sagt er. Doch genau das spornt ihn an. Er will Herausforderungen, keine Schonung. Andere in seinem Alter kämpfen mit ihrer Unlust – Darian kämpft für den 6. Juni. Dann steigt er in Falkensee in der Stadthalle in den Ring – sein vierter Profikampf, angesetzt über sechs Runden. In den letzten vier Wochen vor dem Duell wird das Sparring auf drei Einheiten pro Woche erhöht – harte Runden gegen erwachsene, gestandene Profis. „Ich brauche das“, sagt er. „Nur so werde ich besser.“ 

Sein Vater Carsten und Trainer Michel Trabant, Ex-Welt- und Europameister, achten darauf, dass jeder Schritt kontrolliert bleibt. Nichts an seiner Laufbahn ist Zufall, nichts Übermut. Was ihn antreibt? Nicht Ruhm, nicht Provokation. Sondern die Idee, dass er etwas kann, was andere nicht können. Etwas, was er auf hochkarätig besetzten Bühnen beweisen will. „Ich liebe es zu kämpfen, zu siegen“, sagt er. Sein Leitspruch: „Born4Battle.“ Lampenfieber kennt er nicht. Angst vor einer Niederlage? „Eigentlich nicht.“

Wenn er über seine Zukunft spricht, macht er das ohne Zögern. Erstklassige Fights, internationale Titelkämpfe, große Abende – alles denkbar. Doch er weiß, dass Erfolg im Boxen nicht im Ring beginnt, sondern in den Wochen davor: im Morgengrauen, wenn Frohnau noch schläft. Vor dem Publikum Anfang Juni in Falkensee will er zeigen, dass seine drei Knockouts erst der Anfang waren. Und dass ein Junge aus Reinickendorf bereit ist, sich in der Boxwelt einen Namen zu machen. Oliver Rast

Redaktion