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Junge Menschen helfen in einem Wald
Die freiwilligen Helfer des Workcamps waren mit Enthusiasmus bei der Sache. COPYRIGHT: THOMAS ENGLISCH

Den Toten Namen geben

Junge Menschen auf dem Alten Anstaltsfriedhof

Wittenau – Harken und Efeu kürzen, Schilder reinigen und Wege freischneiden: Zum fünften Mal engagierten sich junge Erwachsene aus aller Welt in einem Workcamp der Ökumenischen Jugenddienste (ÖJD) für den Gedenkort „Alter Anstaltsfriedhof“ auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Der Efeu überzieht den Boden wie eine Decke und niemand kann erahnen, dass darunter die Toten ruhen. 

„Ich mag die Arbeit“, sagt Phelipe aus Brasilien. „Man lernt über die Geschichte und kann helfen, dass an diese Menschen erinnert wird. Ich finde das sehr interessant.“ Der 23-jährige Student ist einer von 17 jungen Menschen aus Brasilien, Ägypten, Polen, Frankreich, Rumänien, Spanien und Deutschland, die vom 11. bis 25. Juli jeweils vier Stunden auf dem Alten Anstaltsfriedhof arbeiteten. Auch ein in Berlin lebender geflüchteter iranischer Kurde war dabei.

„Die Freiwilligen helfen dabei, das verwilderte Gelände aus dem Vergessen zu holen“, sagt Irmela Orland vom Freundeskreis Alter Anstaltsfriedhof. Erinnern – das sei wichtig. Damit sich Geschichte nicht wiederholt. Und so erfahren die Teilnehmer, dass hier in den Wittenauer Heilstätten in der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1939 und 1945 über 4.600 Patienten in ums Leben kamen. 

Unter den Opfern waren auch viele Kinder, die zwischen 1941 und 1945 in der Städtischen Kinder-Nervenklinik untergebracht waren. Bis zu 1.500 menschliche Überreste befinden sich auf dem alten Friedhofsgelände. Mehr als 500 Tote konnten dank des Freundeskreises „Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof“ bereits namentlich identifiziert werden. „So haben wir beispielsweise herausgefunden, dass Anna Tokar, eine ehemalige ukrainische Zwangsarbeiterin, am 22. März 1945 starb und hier begraben ist. Ebenso Sophie Kotsulski und Else Gidius, beide mit dem Todestag 18. April 1944. „Wir sind uns sicher, dass die meisten der Toten hier nicht eines natürlichen Todes gestorben sind“, erklärt Tochter Sarah Orland.

Der Freundeskreis „Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof“ hat sich im Juni 2014 gegründet und setzen sich bisher in unregelmäßigen Abständen in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche auf dem Gelände zusammen. Sie treffen zudem Angehörige, ehemalige Mitarbeiter, Anwohner und Interessierte auf Einladung des Klinikpfarrers, um den Friedhof als Gedenkort zu erhalten. 

Die Workcamps helfen dabei, den Ort als Erinnerungsort zu erhalten. So wurde auch ein an römisches Vorbild angelehnter halbkreisförmiger Bau mit Ruhebank freigelegt, der wohl um 1880 gebaut wurde. „Wir sind auch immer noch dabei, die Namen der vielen Toten herauszufinden und etwas über ihr Schicksal zu erfahren“, sagt Irmela Orland. Die 74-Jährige weiß, dass sie 500 Toten wieder einen Namen, ein Gesicht, ein Leben geben konnten. „Und ich mache weiter; bin im Sterberegister nun beim Buchstaben ‚K‘ angelangt.“

Christiane Flechtner

Christiane Flechtner ist seit mehr als 30 Jahren als Journalistin und Fotografin in Reinickendorf und auf der ganzen Welt unterwegs. Nach 20 Jahren bei der Lokalzeitung Nord-Berliner ist sie seit der ersten Ausgabe mit im Team der Reinickendorfer Allgemeinen Zeitung und anderer Verlagsmedien. Sie arbeitet außerdem als freie Journalistin und Fotografin bei „Welt“, Berliner Zeitung und anderen Zeitungen in Deutschland, Österreich und Luxemburg sowie für u. a. Reise-, Wander- und Tiermagazine.