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Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch
Patrick Larscheid in seinem Büro mit Leichenschauschein. Foto: bs

Spur des Massenmordes führt nach Reinickendorf

Amtsarzt Larscheid fordert Maßnahmen nach dem Verbrechen des Palliativarztes Johannes M.

Reinickendorf – Die Morde eines Palliativarztes im Süd-Osten von Berlin sorgten in den vergangenen Monaten für Entsetzen in der ganzen Stadt und weit darüber hinaus. Im Juli verurteilte das Landgericht Berlin den Angeklagten Johannes M. zu lebenslanger Haft, weil dieser 15 seiner Patientinnen und Patienten getötet habe. 12 Morde hatte der Arzt während des Prozesses gestanden. Weitere 76 Todesfälle sollen ihm in einem zweiten Verfahren zur Last gelegt werden. Gegen das erste Urteil haben seine Rechtsanwälte Revision eingelegt. Eine Spur der Aufarbeitung dieses monströsen Verbrechens führt nach Reinickendorf. 

Zwar wurden die Verbrechen in den Jahren 2021 bis 2024 hauptsächlich in Neukölln, Treptow und Kreuzberg begangen, aber der Amtsarzt von Reinickendorf, Patrick Larscheid, ist höchst beunruhigt, wie so etwas so lange unentdeckt bleiben konnte. Die Leichenschauscheine aus ganz Berlin werden zentral im Gesundheitsamt von Reinickendorf digitalisiert und archiviert. Larscheid ist der Meinung, dass mit dringend notwendigen Maßnahmen die Gefahr einer Wiederholung minimiert werden müsse.

Johannes M. war ein angesehener Arzt, der bei seinen Schwerstkranken Vertrauen genoss. Aber immer wieder spritzte er ihnen zunächst ein Beruhigungsmittel und dann ein Muskelrelaxans, das innerhalb von Minuten durch Lähmung der Lungentätigkeit zum Erstickungstod führte. Larscheid betont, dass die Palliativpatienten zwar „schwer krank, aber nicht todgeweiht“ gewesen seien. Und weiter: „Er hat ihnen nicht beim Sterben geholfen, sondern er hat sie getötet“. In der Urteilsbegründung heißt es, Johannes M. habe das getan „nur weil er in der Lage war zu töten.“ Er hat seine Machtgelüste ausgelebt. Dabei habe er besonders in der Endphase seiner Mordserie „geradezu darum gebettelt, entdeckt zu werden“, sagt Larscheid. Auf den Leichenschauscheinen sei als Todesursache immer wieder von Johannes M. Lungenarterienembolie in der Kurzform LAE angegeben worden. Das könne aber ohne größere Untersuchung so gar nicht am Ort des Todes diagnostiziert werden, fährt Larscheid fort. Das sei erst viel zu spät aufgefallen. Endgültig verdächtig habe er sich gemacht, als er dann auch noch mehrere Wohnungen von seinen Mordopfern in Brand setzte. 

Auch Wochen nach dem Urteil ist der Reinickendorfer Amtsarzt tief erschüttert, welche schwere Last sich jahrelang in seinem Archiv angesammelt hat, und stellt einige Forderungen auf. Wie in anderen Bundesländern bereits üblich, sollten auch in Berlin zukünftig nicht mehr die behandelnden Ärzte die Leichenschauscheine ausstellen dürfen. Ein Zufallssystem solle zudem dafür sorgen, dass etwa jede zehnte bis 15. Leiche obduziert werde. Damit steige das Entdeckungsrisiko für Kriminelle am Krankenbett massiv an. 

Auch wenn die Leichenschauscheine zunächst per Hand ausgefüllt werden, werden die Informationen im Nachhinein in Reinickendorf digitalisiert. Spätestens dann sollten sie automatisch nach Auffälligkeiten bei der Todesursache durchsucht werden. Eine Häufung schwer zu diagnostizierender LAE wäre so sehr viel früher aufgeflogen. Bei Verdachtsmomenten müsste den Amtsärzten freie Hand gewährt werden, bei den Kollegen und Kolleginnen nachzufragen, die die Leichenschauscheine ausgestellt haben, um weitere Auskünfte zu erhalten. Das verhindere bislang, so Larscheid, die ärztliche Schweigepflicht. Gesetze müssten geändert werden.

Larscheid hat bereits begonnen, Gespräche dazu in der Senatsverwaltung aufzunehmen. Ärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung sollen folgen. Besonders die geforderten Obduktionen werfen Fragen auf: Wer soll das bezahlen? Und werden Beerdigungen zukünftig durch langwierige bürokratische Vorgänge zur Bestimmung der Obduktionsfälle massiv verzögert? Larscheid sagt: „Viele Freunde werde ich mir damit nicht machen“, und dennoch hält er nach diesem Verbrechen solche Maßnahmen für dringend notwendig.

Bertram Schwarz

Meine erste journalistische Station war die Schülerzeitung meiner Schule, später war ich für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten als freier Mitarbeiter tätig, nach dem Studium als politischer Redakteur beim NDR und später als Geschäftsführer verschiedener Medienfirmen. Seit 2019 arbeite ich als freier Autor für die RAZ.