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ein Vogelhäuschen mit einem Vogel
Foto: mvo

Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle …

Unsere Kolumne von Melanie von Orlow

Wirklich alle? Die Berliner Vogelwelt hat schon so einiges an Federn gelassen. Die Rote Liste der Brutvögel in Berlin listete 2025 von den einst 185 hier heimischen Brutvögeln bereits 32 als ausgestorben; und der Bestand von 30 Arten hat sich gegenüber der letzten Erfassung im Jahr 2013 teilweise erheblich verschlechtert. Die Saatkrähe gehört nun zu den „vom Aussterben bedrohten“ Arten – in meiner Kindheit konnte ich die Tiere noch in großen Scharen am Flughafen Tegel beobachten.

In den letzten Jahren ist ein weiterer Trend zu beobachten und lässt selbst Vogelexperten rätseln: Der Spatz ist auf dem Rückzug. Auf keine andere Vogelart ist Berlin so stolz wie auf seine frechen Spatzen, die Cafés belagern, in großen Trupps Sträucher zum Lärmen bringen und den Buddelsand auf dem Spielplatz in einen Badekurort für Sandbäder verwandeln. Dabei ist der Allerweltsvogel schon aus vielen europäischen Städten verschwunden – ob London, Hamburg oder München. Bisher war die Antwort klar: Der Verlust an Nistplätzen durch Sanierung und Wärmedämmungen wurde als Ursache Nr. 1 identifiziert. Berlin machte es dahingegen besser: Bereits in den Neunzigern wurde durch die Naturschutzbehörden darauf geachtet, dass bei Sanierungen verschlossene Hohlräume an Gebäuden durch Nistkästen ersetzt werden müssen. So ruhte sich Berlin lange auf seinen Spatzenbeständen aus, während man sich über Tauben ärgerte.

Nun also schwindet er und das ganz ungewollt – das war nicht immer so: 1744 lobte Friedrich der Große in Preußen eine Kopfprämie auf Spatzen aus, die angeblich Getreide- und Obsternten ruinieren würden und während des „Großen Sprungs nach vorn“ wurden zwischen 1958 und 1961 Millionen von Spatzen in China getötet. Beide Initiativen endeten verheerend: Das Fehlen der nützlichen Insektenfresser führte zu Raupenplagen und Hungersnöten.
Nun schleicht er sich dahingegen aus der Stadt. 2021 wurden 190.000 Brutpaare für Berlin ermittelt, aktuell sind es knapp noch 60.000. Rätselhaft bleibt die Ursache des Schwindens, das selbst jahrelang besiedelte Nisthilfen in unveränderter Umgebung trifft. Im Gegensatz zu Erkrankungen wie das von Mücken übertragene Usutu-Virus, das bei Amseln zu sichtbar kranken und sterbenden Amseln führt, fehlen hier aussagekräftige Totfunde. Es werden einfach weniger und niemand weiß so recht, warum.

Verdächtigungen gibt es reichlich: Neben Rattengift, das bereits bei Greifvögeln zu erheblichen Verlusten führen, ist natürlich ein womöglich ausbleibender Fortpflanzungserfolg ein Thema. Ob der Waschbär an den Niststätten snackt? Oder fehlt den Tieren die für die Jungenaufzucht erforderliche Proteinnahrung durch Insektenmangel? Klar ist: Das Anschrauben von Nistkästen genügt nicht mehr – es braucht Forschung. Und offenbar Weitsicht in Politik und Gremien: Ein entsprechender Förderantrag wurde vor gut fünf Jahren abgelehnt. Damit es uns nicht ergehen wird wie einst dem Preußenkönig: Rettet den Berliner Spatzen!

Melanie von Orlow

Melanie von Orlow ist als Autorin, Biologin und Imkerin Teil des RAZ-Teams. Beim NABU Berlin engagiert sie sich für den Natur- und Artenschutz in der Stadt.