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Süßer die Glocken…

Drei Glocken beherbergt der Turm der Dorfkirche in Hermsdorf. Die mit 444 kg Schwerste von ihnen hat schon über 500 Jahre auf dem Buckel und ist damit über achtmal so alt wie ihre jüngeren Schwestern. Sie ist auch deutlich älter als die 190-jährige Dorfkirche selbst, die 1830 die Fachwerkkirche von 1756 an derselben Stelle ersetzte.

Bei 1987 begonnenen Ausgrabungen wurden die Reste einer Mauer freigelegt, die Standort und Ausmaße des mittelalterlichen Gotteshauses aus dem 16. Jahrhundert erkennen lassen. Man entdeckte dort auch Pfostenlöcher, die auf zwei oder gar drei frühere Holzkirchen schließen lassen, deren Grundrisse allerdings nicht mehr nachvollziehbar sind. Die alte Glocke mit der „1507“-Gravur am Schlagring muss schon in einem Holzbau geläutet haben.

Angrenzende Gräber stammen aus der Zeit des Übergangs zum Christentum – besonders ein Skelett in hockender Stellung mit einer Münze im Mund zeigt den noch heidnischen Ritus, mit dem der Tote bestattet wurde. Ein gotischer Silberkelch, Altarleuchter und eine Taufschale wurden 1903 als Dauerleihgabe an das Märkische Museum Berlin übergeben.

Im Ersten Weltkrieg wurde die Kirche zwar nicht beschädigt, erlitt aber dennoch einen bedauerlichen Verlust: Eine Glocke, die erst seit sieben Jahren im Turm hing, wurde 1917 für Kriegszwecke eingezogen. Sie erlitt damit das Schicksal von weit über 60.000 Bronzeglocken, die zur Metallgewinnung eingeschmolzen wurden. Verschont wurden immerhin solche, deren Herstellung vor 1860 datierte. Formal wurden die Gemeinden entschädigt – ein festgesetzter Kilopreis wurde bezahlt, der allerdings in Kriegsanleihen investiert werden musste, die nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs jedoch keinen Wert mehr hatten. Die Inschrift der Glocke hat angesichts ihrer Vernichtung einen recht bitteren Beigeschmack: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten – Königin Luise“. Viele Kirchen hatten nach Kriegsende das Glück, ihre noch nicht eingeschmolzenen Glocken zurückzubekommen. Hermsdorf blieb diese Freude allerdings versagt.

Die Schäden, die die Dorfkirche durch den Zweiten Weltkrieg erlitt, führten zur dringend erforderlichen Restaurierung des Gebäudes Mitte der Fünfziger Jahre. Dabei erhielt die Kirche auch ihre mit 215 kg kleinste Glocke, auf der die Worte „Komm Herr Jesus“ eingraviert sind. Schließlich machte der Befall mit Hausschwamm eine Rekonstruktion des Turmes 1960 notwendig. Aus diesem Anlass stiftete der Kirchenbauverein „Freunde der Dorfkirche“ die jüngste 310 kg schwere Glocke mit der Inschrift: „Jesus Christus, gestern und heute / und derselbe auch in Ewigkeit“.

In welcher Form und ob überhaupt die Weihnachtsgottesdienste in diesem außergewöhnlichen Jahr stattfinden können, ist noch fraglich. Sicher ist allein, dass an Heilig Abend und den Weihnachtstagen die Glocken wie schon seit Jahrhunderten feierlich läuten werden.bod

Eine alte Dame: die 190-jährige Dorfkirche Hermsdorf Foto: bod

Inka Thaysen

Ursprünglich beim Radio journalistisch ausgebildet, bin ich seit Ende 2018 für den RAZ Verlag tätig: mit redaktionellen sowie projektkoordinativen Aufgaben für print, online, Social Media und den PR-Bereich.